Fotografieren auf der Straße bei Nacht stellt eine Reihe von einzigartigen Herausforderungen dar. Oft zwingt das Fehlen von Licht den Fotografen dazu, mit langen Belichtungszeiten, hohen ISO-Einstellungen oder sogar mit einem Blitz zu arbeiten. Das heißt, um Straßenszenen unter solchen Bedingungen so einzufangen, wie das Auge sie sieht, braucht man ein echtes Gespür für die verwendeten Geräte.

Der Fotograf Jonathan Hodder besitzt dieses Gespür zweifellos. Hodder hat in den schlaflosen Städten Südostasiens fotografiert und ausschließlich mit den manuellen Einstellungen seiner Leica M10 gearbeitet und diese Serie hervorragender Street Photography aufgenommen. Wir trafen uns mit ihm, um mehr über seine Vorgehensweise und seine Erkenntnisse über die geschäftigen, neonbeleuchteten Straßenszenen zu erfahren, für die dieser Teil der Welt so bekannt ist. Hodder erklärt auch, warum das Fotografieren mit der Leica M10 „sich so anfühlt, als würden man nicht nur ein Foto machen, sondern eines erschaffen“.

Wann haben Sie Ihre Leidenschaft für die Fotografie entdeckt?

Meine Familie zog von Stadt zu Stadt, während ich in Großbritannien aufwuchs, und es gab immer eine Kamera in der Nähe. Ich kaufte auch Einwegkameras, wenn ich ein wenig Geld hatte, um Schnappschüsse von Menschen und neuen Orten zu machen.

Erst als ich im Alter von 21 Jahren nach Asien zog, fing ich an, regelmäßig auf die Straße zu fotografieren. Die Farben sind so leuchtend und vielfältig, auch nachts, und die Menschen sind so ausdrucksstark. Die Fotografie wurde zu einer Möglichkeit, das zu feiern.

Sie arbeiten für die Vereinten Nationen. Gibt es einen Übergang zwischen dieser Arbeit und Ihrer Fotografie – zwei scheinbar sehr unterschiedliche Bereiche?

Als ich 24 Jahre alt war, fing ich an, bei der UNO zu arbeiten, wo ich für die Kommunikationsabteilung tätig war, Pressemitteilungen und Artikel schrieb und auch die begleitenden Fotos machte. Ich habe das sehr gern gemacht, aber ich wurde bald in die Welt der Programmmanagements hineingezogen. Jetzt bin ich in der Steuerungseinheit, wo wir Programme zu den Themen Menschenrechte, Korruptionsbekämpfung und Grundversorgung durchführen.

Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist die politische Interessenvertretung. Wir haben damit begonnen, benachteiligte Gemeinschaften darin auszubilden, die Fotografie als Medium – und Social Media als Plattform – zu nutzen, um ihre Stimme in Entwicklungsfragen zu verstärken. Ich beteilige mich auch an Artikeln und arbeite mit Galerien zusammen, um diese Bemühungen bei Bedarf zu unterstützen.

Welche Fotografen oder Künstler haben Sie inspiriert und Ihren Stil beeinflusst?

Es sind so viele. Was die Dokumentarfotografen betrifft, so haben mich die Werke von Mary Ellen Mark und Dorothea Lange sehr beeindruckt. Beide Frauen dokumentierten sozioökonomische Themen mit zutiefst persönlichen, eindringlichen Porträts. Während diese Fotografinnen in unterschiedlichen Zeiten lebten und unterschiedlichen Stilen fotografierten, teilte ihre Kunst dieselben Merkmale von Mut und Sensibilität. Ich denke, die Tatsache, dass sie beide starke Frauen waren, ist kein Zufall.

Ich bin auch erstaunt über zeitgenössische Dokumentarfotografen, insbesondere die philippinischen Fotojournalisten, die über den laufenden Krieg gegen Drogen auf den Philippinen berichten. Sie haben sich traumatischen Erfahrungen ausgesetzt, um uns auf dem Laufenden zu halten. Es ist eine äußerst wichtige Arbeit, und ich halte viele von ihnen für Helden.

In der Street Photography ist Fan Ho einer meiner absoluten Favoriten. Er war offensichtlich sehr geduldig und wartete auf natürliches Licht, um Momente offener Intimität in den romantischsten Kulissen der 1950er-Jahre in Hongkong einzufangen. In jedem seiner Fotos ist eine ganze Enzyklopädie des Wissens enthalten. Seine Vision war wunderschön.

Sie fotografieren vorwiegend auf den belebten Straßen Südostasiens. Was hat es mit der Street Photography auf sich, was zieht Sie immer wieder an?

Die Straßen Südostasiens unterscheiden sich sehr von den Straßen Großbritanniens, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Mein fotografisches Interesse galt immer der Conditio humana, und obwohl es möglich ist, intime Momente auch auf britischen Straßen festzuhalten, können sie manchmal selten sein. Einige würden sagen, dass die westliche Gesellschaft eher zurückhaltend ist, aber auch das Klima spielt eine große Rolle. Das Vereinigte Königreich ist typischerweise nass und kalt, so dass es nur natürlich ist, dass Menschen die Straße nutzen, um so schnell wie möglich von A nach B zu gelangen.

Südostasien ist anders. Die Gesellschaft ist so bunt, das Klima ist wärmer und die meisten Menschen fühlen sich wohl genug, um ihr Leben auf der Straße buchstäblich zu öffnen. Schau nach links und da ist jemand, der in einem Fass Wasser badet, schau nach rechts und ein Paar streitet sich um ein lebendes Huhn, schau nach vorn und da ist ein Affe, der auf einer Kuh reitet. Wohin man auch immer in Südostasien geht, das Leben spielt auf der Straße. An jeder Straßenecke gibt es eine Geschichte zu erzählen.

Neonlicht und Werbung sind zentrale Elemente in den Straßenszenen Südostasiens. Wie haben Sie bei Nacht mit so vielen verschiedenen Lichtquellen gearbeitet?

Neon ist großartig zum Fotografieren. Eine einzige Neonlampe ist stark genug, um 100 Meter über Straßen und Mauern zu glühen. Ich liebe es, wie Neon die Menschen in lebhaftem Blau, Grün oder Lila badet. Ich erkunde oft enge Gassen in den frühen Morgenstunden, um nach dem richtigen Motiv zu suchen.

Aus künstlerischer Sicht ist das Fotografieren bei Neonlicht ein Traum. Technisch gesehen kann es jedoch eine Herausforderung sein. Neon ist hell – manchmal zu hell –, doch während man durch die Straßen streift, passiert man immer auch dunkle Ecken. Solche kontrastreichen Umgebungen können das Messsystem der Kamera verwirren. Eine andere Sache, auf die man achten sollte, ist der Weißabgleich, denn Neonschilder, Straßenlaternen und Autolampen strahlen unterschiedliche Farben aus, die sich vermischen.

Die Variablen sind also endlos. Unter diesen Bedingungen kann das Vertrauen in die automatischen Kameraeinstellungen zu inkonsistenten Ergebnissen führen. Manchmal ist es besser, wenn man die volle Kontrolle hat.

Mit welcher Kamera und welchem Objektiv haben Sie diese Serie aufgenommen? Und worin liegen die Vorteile Ihres Set-ups, besonders bei Aufnahmen unter schlechten Lichtverhältnissen mit Available Light?

Die Serie wurde überwiegend mit der Leica M10 mit einem Summicron-M 1:2/35 mm oder einem Summilux-M 1:1,4/50 mm aufgenommen. Die Kameraeinstellungen warem immer auf volle Kontrolle ausgelegt, und wenn man es einmal verstanden hat, wird die Bedienung instinktiv.

In der Nacht erstrahlt die M10; ihr Sensor ist praktisch in der Lage, im Dunkeln zu sehen. Die Bilder, die bei ISO 6400 aufgenommen wurden, zeigen ein scharfes, aber malerisches Aussehen, das eher einem ISO-800-Film ähnelt als einem digitalen Bild. Und kombiniert mit einem Summilux-Objektiv kann die M10 Licht von Orten einfangen, die man für unmöglich gehalten hätte.

Wann haben Sie zum ersten Mal eine Leica-Kamera gekauft? Und was bedeutet Ihnen Leica?

Die Leica M2 war die erste echte Kamera, die ich als Junge in die Hand nahm, und seither konnte ich meine Finger von der M nicht mehr lassen. Die Erfahrung mit dem Messsucher unterscheidet sich völlig von der mit automatisierten Kameras, bei denen die Bedienung so einfach – so wiederholend – werden kann, dass man das Gefühl bekommt, die Kamera mache die ganze Arbeit.

Das Fotografieren mit der M ist in dieser Hinsicht ganz anders, da es ein hohes Maß an Eigeninitiative erfordert. Der Fotograf ist es, der das Motiv in den Fokus rückt, er ist es, der das Licht steuert, das auf den Sensor trifft, und er ist es, der die Szene im Sucher komponiert, der so klar ist, als ob nichts zwischen ihm und dem Motiv läge. Mit der M macht man nicht nur ein Foto, sondern man erschafft es.

Diese Art des Fotografierens kann die Art und Weise, wie Sie sich fühlen, die Art und Weise, wie Sie sehen, und letztlich die Aufnahmen, die Sie machen, beeinflussen. Ich sage nicht, dass die M die beste Kamera für jeden wäre, aber sie ist es für mich – keine andere hat sich so natürlich angefühlt. Die Objektive sind ebenfalls exquisit, aber damit sollten wir gar nicht erst anfangen, sonst säßen wir den ganzen Tag hier.

Sie haben vor Kurzem damit begonnen, eine langfristige Dokumentation über Straßenkinder auf den Philippinen aufzunehmen. Erzählen Sie uns mehr darüber?

Auf den Philippinen sieht man tagsüber und bis spät in die Nacht oft Kinder auf der Straße. Einige verkaufen Blumen, andere spielen und manchen lesen sogar am Straßenrand, im Licht der Stände von Straßenhändlern und vorbeifahrender Autos. Ihre kreative Verwendung von Licht inspirierte meine eigene Fotografie in vielerlei Hinsicht.

Aber diese Kinder sollten nicht dort sein müssen. Laut UNICEF gibt es auf den Philippinen rund 3,8 Millionen Jugendliche, die nicht zur Schule gehen. Vielen dieser Kinder wird ihr Recht auf Bildung verweigert und sie sind einem großen Risiko von Missbrauch, Ausbeutung und Gewalt ausgesetzt.

Es gibt derzeit einen im Kongress anhängigen Gesetzentwurf, die Magna Carta of the Out-Of-School Youth. Dieser Vorschlag würde das Recht der Kinder auf Bildung, Sozialschutz und Ausbildung für eine menschenwürdige Beschäftigung sichern. Ich hoffe, dass er bald verabschiedet wird. Es gibt keinen Grund, es nicht zu tun.

Was raten Sie jemandem, der nachts auf den Straßen Südostasiens fotografieren möchte?

Hongkong bietet immer noch eine sehr fotogene nächtliche Szenerie. Es ist ein besonderer Ort für mich, einige Jahre bin ich dort aufgewachsen, von 1993 bis zur Übergabe der britischen Kronkolonie an die Chinesen 1997. Meine ältesten Freunde leben dort.

Viele junge Reisende fühlen sich von Hongkongs Neonlichtern angezogen, sie wollen den Cyberpunk-Glanz in Szene setzen, der zuerst durch „Blade Runner“ bekannt wurde, und das mit guten Ergebnissen. Aber für diejenigen, die in Hongkong leben, geht diese futuristische Ästhetik ironischerweise gerade in die Geschichte ein. Vor Kurzem hat die Regierung beschlossen, Neonschilder aus Umwelt- und Sicherheitsgründen entfernen zu lassen. Unabhängig davon, ob man diese Begründung nachvollziehen kann, ist es so, dass die Nächte in Hongkong dunkler werden. Vielleicht ist das ein Symbol für die breiteren strukturellen Veränderungen, die sich hinter den Kulissen vollziehen.

Es wird nicht allzu lange dauern, bis wir uns Bilder von Hongkongs Straßen ansehen werden, um uns daran zu erinnern, wie schön sie früher waren. In diesem Sinne rate ich denjenigen, die in Asien reisen, dringend, einen Abstecher nach Hongkong zu unternehmen. Erkunden Sie die Straßen von Mong Kok, Yau Ma Tei und Jordan, bevor das letzte Neonlicht verblasst!

 

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