Wie in andere mittelamerikanische Länder auch gelangte Kaffee im 18. Jahrhundert durch europäische Missionare nach Guatemala. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts war die Kaffeeproduktion von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung und heute ist Kaffee eines der wichtigsten Exportgüter des Landes, auf das 40 Prozent seiner Erlöse durch Agrarexporte entfallen. Der spanische Fotograf Santiago Albert lebt seit 1996 in Guatemala – für ihn ein Land mit „unendlichem fotografischen Potenzial“. Als Fotojournalist möchte Albert die kulturellen Traditionen und persönlichen Geschichten, die dieses faszinierende Land ausmachen, festhalten. Seit Jahren dokumentiert er wie Kaffee in Guatemala produziert wird. Wir haben uns mit Albert getroffen, um mehr über seinen fotojournalistischen Ansatz, seine Liebe zum Leica M-System und darüber zu erfahren, warum die Kamera des Fotojournalisten seine einzig wahre Gefährtin ist.

Wie haben Sie Ihre Leidenschaft für die Fotografie entdeckt?

Soweit ich mich erinnern kann, wollte ich immer schon fotografieren. Die Leidenschaft wächst, während man sich entwickelt, aber wenn ich einen Zeitpunkt bestimmen sollte, dann habe ich sie bemerkt, als ich einfach nicht mehr aufhören konnte zu fotografieren. Damals habe ich meine eine eigene Stimme gefunden. Es war die romantische Seite des Fotojournalismus, die mich anzog, das Reisen und die Möglichkeit, überall auf der Welt arbeiten zu können. Man will eine Geschichte erzählen oder ein Ereignis oder das Leben eines Menschen zeigen. All das rührt aus dem Wunsch, etwas zu kommunizieren. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich einfach Fotojournalist werden muss.

Wer hat Sie und Ihren Stil als Fotograf beeinflusst?

Salgado war schon immer ein Bezugspunkt, ebenso wie Koudelka, Bresson, Doisneau, García Rodero und viele andere humanistische Fotografen, die Geschichten aus dem Alltag der Menschen erzählen. Vor dem Internetzeitalter hat man sich ihre Bilder in Ausstellungen, Galerien und Zeitschriften angesehen. Neben diesen Fotografen haben mich meine Erfahrungen, Filme, Bücher, Geschichten und alles andere, was eine visuelle Bildung ausmacht, beeinflusst. Den eigenen Stil findet man nicht einfach so, jedenfalls kann man es nicht erzwingen. Stil entsteht durch das Fotografieren selbst und dadurch, dass man seine visuellen Erfahrungen verinnerlicht.

Wann haben Sie zum ersten Mal mit einer Leica Kamera fotografiert? Und welche Bedeutung hat die Marke für Sie?

Eine Leica habe ich 1992 das erste Mal in der Hand gehabt, eine M4-P. Das war in der Dominikanischen Republik, wo ich mit einer 6×7-Mittelformatkamera unterwegs war. Dort eine Leica zu finden, hätte ich niemals erwartet. Aber eines Tages kam ich an einem kleinen Laden in Santo Domingo vorbei, im Schaufenster lag diese Kamera und rief nach mir. Ich habe dann meine Mittelformatkamera gegen die Leica M4-P eingetauscht. Seither habe ich auch mit der M6, M7, M8 und M9 gearbeitet, derzeit erfreut mich die Leica M10.

Die Leica ist ein Teil meiner Arbeitsweise geworden. Ihre diskrete Natur lässt mich unbemerkt bleiben. Die M erweitert ihre Vorstellungskraft, ohne komplexe Menüs oder zu viele Steuerungselemente. Unerlässlich ist der Messsucher, der mir das Bild zeigt, das ich machen werde. Ich brauche ein zuverlässiges Werkzeug, das das tut, was ich will, und genau das habe ich im Leica M-System gefunden.

 

Sie sind in Spanien geboren und leben seit 1996 in Guatemala. Was hat Sie dorthin geführt?

Vorher lebte ich in Costa Rica, wo ich aber nicht auf die Geschichten stieß, die ich erzählen wollte. Da ich ohnehin den Wunsch hatte umzuziehen, machte ich mich auf nach Guatemala. Damals ging es in dem Land noch sehr viel konfliktreicher zu als heute. Nach drei Tagen im Bus kam ich an und wollte eigentlich nur ein paar Wochen oder Monate bleiben. Aber ich bin immer noch dort und versuche, dieses Land kennen zulernen – immer noch, nach mehr als 20 Jahren. Guatemala hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Für mich als Fotograf hat das Land unendliches Potenzial.

In Guatemala sind Sie ein Ausländer oder gar Außenseiter, wie sehr beeinflusst das die Geschichten, die Sie erzählen?

Kommt man in ein anderes Land, sieht man natürlich mit frischen Augen, was sonst normal und alltäglich ist. Alles ist anders. Man beobachtet anders, weil eine andere visuelle Realität abgebildet wird, und bemerkt Dinge, die die Einheimischen gar nicht mehr sehen. Man geht mit einem alternativen Ansatz an die Dinge heran und erzählt anders.

Sie dokumentieren seit Jahren die Kaffeebranche. Woher rührt dieses Interesse? Was hoffen Sie, mit dieser Serie zu zeigen?

In Guatemala ist die Kaffeebranche allgegenwärtig. Ich hatte zu diesem Thema ein paar Aufträge und konnte von dieser Welt nicht mehr lassen. Wie auch sonst in meiner Arbeit fallen mir bestimmte Menschen auf und hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Das System der Kaffeeproduktion verschmilzt mit den familiären und sozialen Strukturen. Man kann die Beziehungen zwischen Mensch und Natur, Eltern und Kindern, Vorgesetzten und Arbeitern studieren. Kaffee bestimmt die Lebensweise so vieler Menschen, von ganzen Familien, die für die Ernte von einem Ort zum anderen ziehen, über Kleinproduzenten und Genossenschaften bis zu den Eigentümern der großen Plantagen. Die Ernte fällt mit den Schulferien zusammen, sodass in dieser Zeit die ganze Familie gemeinsam der Arbeit hinter herzieht.

In dieser speziellen Serie wollte ich, emotional und aufrichtig, eine sich verändernde Realität abbilden, die in einigen Jahren sicherlich ganz anders aussehen wird.

Können Sie uns mehr über die Plantagen erzählen, auf denen diese Serie entstanden ist?

Dieses Langzeitprojekt habe ich landesweit in Betrieben vom Tiefland bis zu den Bergen aufgenommen. Einige Fotografien entstanden in kleinen Genossenschaften, andere in großen Plantagen. Ich versuche, den ganzen Herstellungsprozess abzudecken und verschiedene Formen der Kultivierung zu zeigen. Ich konnte Beziehungen zu den Arbeitern und allen möglichen Personen aufbauen, die am Prozess der Kaffeeproduktion beteiligt sind. Das erleichtert mir die Arbeit und findet – ganz wichtig – oft in langen Gesprächen bei einer guten Tasse Kaffee statt. Die Fotografie ermöglicht mir, Menschen zu treffen, denen ich sonst nicht begegnet wäre, und in eine andere Lebensweise einzutauchen.

Unter den Arbeitern sind alle Geschlechter und Altersgruppen vertreten, von Kindern bis zu den Großeltern. Wer sind diese Menschen, die in der Kaffeeproduktion arbeiten? Handelt es sich um eine Art Familienunternehmen?

Familien sind immer beteiligt, aber nicht unbedingt als Eigentümer oder als Teil eines Familienunternehmens im eigentlichen Sinne. Jeder in der Familie nimmt an der Ernte teil. Sie sind seit Generationen in der Kaffeeproduktion tätig. Kinder und Enkelkinder begleiten die erfahrenen älteren Mitglieder der Familie. Sie leben auf den großen Plantagen oder ziehen zur Erntezeit aus anderen Teilen des Landes dorthin.

Mit ihrem gelungenen Mix aus Porträts, Landschaften, Action- und Nahaufnahmen liefert Ihre Serie viele Informationen. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Aufnahmen für eine derartige Dokumentation aus?

In erster Linie fallen mir Menschen und ihr Verhältnis zur Umwelt auf. Ich möchte aber auch ihr Handeln einfangen, um den Arbeitsprozess so genau wie möglich zu zeigen. Und das aus der Sicht eines Betrachters, der weder den Ort noch die Abläufe bei der Ernte kennt und noch nie zuvor eine Kaffeepflanze gesehen hat.

Wenn es um Action geht – was am interessantesten ist –, muss man sie vorhersehen, denn vielleicht hat man nur diese eine Gelegenheit. Dafür ist die Leica M unverzichtbar. Sie ist sofort einsatzbereit und ich kann die Vorgänge durch den Messsucher verfolgen. Die Menschen agieren und sind gleichzeitig Teil der Landschaft und ihrer Umwelt.

Die Landschaft stellt für mich einen weiteren Schwerpunkt dar. Ich verwende die Aufnahmen, die in meinen Augen notwendig sind, um die Storyline zu komplettieren. Beim Fotografieren denke ich an die Geschichte, die ich erzählen will. In diesem Fall ist es der Prozess der Kaffeeproduktion, den ich dem Betrachter in all seinen Aspekten vermitteln möchte. Dazu gehören auch die Emotionen, die ich beim Fotografieren empfinde.

Warum haben Sie diese Serie in Schwarz-Weiß fotografiert?

Die meisten meiner Arbeiten sind schwarz-weiß, mit wenigen Ausnahmen bei bestimmten Aufträgen. Ich habe meinen Stil und meine fotografische Stimme in Schwarz-Weiß gefunden.

Schwarz-Weiß erlaubt mir, mich ohne „Ablenkung“ auf die Menschen zu konzentrieren. Ich ging schon immer davon aus, dass eine Schwarz-Weiß-Aufnahme den Betrachter dazu bringt, innezuhalten und sich auf etwas einzulassen, weil sein Gehirn sie nicht als bereits gesehen registriert.

Welche Kameraausrüstung haben Sie verwendet? Welche Vorteile haben Sie sich davon versprochen?

Für die hier gezeigten Aufnahmen habe ich eine Leica M8 verwendet, andere Aufnahmen in diesem Langzeitprojekt sind mit einer M9 und einer M10 entstanden.

Ich bevorzuge Weitwinkelobjektive, weil sie es mir ermöglichen – und mich zwingen –, in das Geschehen einzusteigen und gleichzeitig Umgebungselemente einzubeziehen, die das Bild verorten und mit Information anreichern. Ich spreche vom Tri-Elmar-M 16-18-21, das ich in dieser Serie neben einem 24er und einem 35er verwendet habe.

Aktuell benutze ich die Leica M10 mit 21-, 35- und 50-mm-Objektiven. Ohne 21-mm-Objektiv verlasse ich nie das Haus. Für Porträts verwende ich das 50er.

Welchen Ratschlag geben Sie Ihren Berufskollegen?

Das ist schwierig. Das Wichtigste ist, leidenschaftlich und engagiert zu sein, sich für das zu interessieren, was vor der Kamera geschieht. Nur dann wird man in der Lage sein, auf seine eigene Weise zu erzählen, mit Emotion und Aufrichtigkeit. Es ist auch wichtig zu bedenken, wer die Bilder betrachten wird, gleichzeitig muss man seinen Instinkten folgen.

Fotografie kann ein einsamer Job sein. Die Kamera ist Ihre einzig wahre Gefährtin, die man sorgfältig auswählen sollte. Eine gut gewählte Location erleichtert Ihre Arbeit, Sie brauchen den Set, der Ihren Bedürfnissen am besten entspricht und der es Ihnen ermöglicht, die Realität in Aufnahmen zu übersetzen, die eine Geschichte erzählen.

 

Sehen Sie mehr von Santiago Alberts exzellenter Schwarz-Weiß-Fotografie auf seiner Website und auf Instagram.

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