Der französische Fotojournalist Alain Keler startete seine Karriere in den 1970er-Jahren bei den Nachrichtenagenturen Sygma und Gamma. Ständig unterwegs berichtete er von den Bürgerkriegen in El Salvador und Guatemala zwischen 1979 und 1982, über die Revolution im Iran 1979 und den Aufstand in Peking 1989 bis hin zur Hungersnot in Äthiopien 1986. Der für seine kaltblütige, eindringliche Herangehensweise bekannte Fotograf erhielt viele Auszeichnungen, etwa den World Press Award und den Grand Prix Paris Match du photojournalisme 1986 sowie den W. Eugene Smith Award 1997. Keler ist Mitglied der Agentur MYOP.

Keler ist getrieben von dem Wunsch, Zeugnis abzulegen und den von historischen Großereignissen überrollten Menschen ein Gesicht zu geben. 2018 erschien seine erste Monografie, „Journal D’Un Photographe“ (Tagebuch eines Fotografen), für die Keler seine alten Kontaktbögen gesichtet hat, um eine Auswahl persönlicher und professioneller Fotografie aus den Anfängen seiner Karriere zu zeigen. Die hier vorgestellten Fotos entstanden ausschließlich mit dem Leica M-System, von dem Keler sagt, dass es ein „persönlicheres“ Bild liefere. Wir sprachen mit dem Fotografen über seine lange Karriere und die Rolle der Fotografie bei der Erinnerung an die Vergangenheit.

Sie haben einmal gesagt, dass die Fotografie Ihr Tor zur Welt gewesen sei. Wie hat Ihre fotografische Reise begonnen?

Schon sehr früh. Meine Eltern kamen nicht allzu gut miteinander aus, zuhause ging es oft recht laut zu. In der Schule war ich sehr gut in Geografie, nachts lauschte ich einem alten Kurzwellenradio, fasziniert von den vielen Sprachen, die ich nicht verstehen konnte. Es gab Propagandasendungen aus der UdSSR auf Chinesisch, aber auch auf Französisch. Zwischen den Kurzwellensendern waren oft unglaubliche Geräusche zu hören, die mir vorkamen, als kämen sie direkt aus dem Weltraum.

Als ich etwas älter war, begann ich zu reisen und interessierte mich für die Nachrichten. Ich schnitt Zeitungsartikel und -fotos aus. Ich war anderthalb Jahre lang in Asien unterwegs und habe fotografiert. Auf dieser Reise traf ich eine junge Amerikanerin, in die ich mich verliebte. Zurück in Frankreich arbeitete ich als Kurier und sparte das Geld, um mir 1971 ein Flugticket nach New York zu kaufen. Mehrere Jahre lang habe ich jegliche Arbeit angenommen, bis ich schließlich meinen ersten Auftrag von einem Verlag erhielt. Ich reiste drei Monate durch Lateinamerika und fotografierte für Sprachlehrbücher.

Seit wann fotografieren Sie mit Leica? Wie hat sich Ihre Beziehung zu Leica Kameras im Laufe der Zeit entwickelt?

Von meinem ersten Gehaltsscheck kaufte ich das Buch „The World of Cartier-Bresson“. Dann habe ich mich mit der Fotogalerie Soho in Tribeca, Manhattan, beschäftigt. Dort kaufte ich mir meine erste Leica, eine M3 mit 35-mm-Objektiv. Seither habe ich immer mit einer Leica fotografiert, auch später bei der Agentur Sygma in Paris. Für die Berichterstattung mussten wir Spiegelreflexkameras mit Weitwinkel- und Teleobjektiven verwenden, aber ich trug immer eine Leica um den Hals.

Nach der M3, die spanische Polizisten zerstört hatten, erwarb ich in New York eine Leica M4. Leica Aufnahmen sind persönlicher als SLR-Aufnahmen. Allerdings haben die Sygma-Bildredakteure sie selten ausgewählt, aber für mein Buch „Journal D’Un Photographe“ habe ich in meinem Archiv viele Bilder gefunden, die mir wirklich gefallen. Digital fotografiere ich auch mit der Leica M Monochrom, die eher an die Fotografie mit Film erinnert.

Manche verstehen die Rolle des Fotojournalisten als die eines objektiven Beobachters, andere sind der Ansicht, dass Fotografie vor allem ein subjektiver, persönlicher Akt sei. Wie sehen Sie die Rolle des Fotojournalisten?

Zumindest offiziell sollten Fotojournalisten objektive Beobachter sein, denn alle möglichen Medien mit eigenen politischen oder sozialen Überzeugungen, die sich von denen der Fotografen deutlich unterscheiden können, zeigen ihre Aufnahmen. Aber das hängt von der jeweiligen Weltsicht ab. Doch was bedeutet der Begriff Objektivität überhaupt? Wenn man Zeuge von Ungerechtigkeit wird, kann es schwer fallen, objektiv zu bleiben. Mir geht es jedenfalls so.

Parchman Farm, Mississippi, USA, November 1986. Im Staatsgefängnis von Mississippi pflücken Häftlinge Baumwolle.

 

Verstehen Sie Ihre Aufnahmen auch als eine persönliche Sammlung von Erinnerungen?

Ich frage in diesem Zusammenhang immer: „Was bleibt von uns, wenn nicht eine Fotografie?“ Denken Sie nur an die Familienalben unserer Eltern und Großeltern. Ich sehe in ihnen eine außergewöhnliche Art, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Man sieht sogar Menschen, die man nie treffen konnte, weil sie vor unserer Zeit gegangen sind. Das ist definitiv die Stärke der Fotografie. Diese Erinnerungen werden immer da sein, bei uns, für uns und unsere Kinder.

Unsere Erinnerungen verändern sich im Laufe der Zeit. Wie wir uns an Ereignisse in der Vergangenheit erinnern und unsere Beziehung zu ihnen, wandelt sich im Licht späterer Erfahrungen. Wenn jede Fotografie eine Erinnerung ist, wie verändert sich dann Ihre Beziehung zu Ihren Aufnahmen im Laufe der Zeit?

Wir wachsen intellektuell oder spirituell, aber auch visuell. Manchmal fotografiere ich einige Szenen um mich herum aus reinem Instinkt. Oft sogar. Wenn einige Momente aus meinem Gedächtnis zu verschwinden scheinen, dann sind sie doch irgendwo in meinem Gehirn gespeichert, und sie kehren zurück, wenn ich sie Jahre später auf meinen Kontaktbögen wiederentdecke. So finde ich tolle Fotos, die nie von einem Verleger oder mir selbst ausgewählt wurden. Der Kontaktbogen ist die Versicherungspolice für das Gedächtnis des Fotografen! Das ist einer der Punkte, die Fotografie so faszinierend machen.

Können Sie uns mehr über das Porträt Ihrer Eltern vor der Haustür erzählen? Außerhalb des Kontexts sind die Ähnlichkeiten mit dem Porträt des älteren palästinensischen Paares nicht zu übersehen. Betrachtet man jedoch Ihre persönliche Verbindung zum ersten Porträt, dann erscheint der Unterschied zwischen beiden viel größer.

Wie für meine alternden Eltern, die ich oft fotografiert habe, empfand ich große Zärtlichkeit für das palästinensische Paar. Auch wenn ihr Leben anders aussieht, sind ihre Geschichten doch durch Krieg und Leid verbunden. Meine Familie hat bei der Deportation der Juden im Zweiten Weltkrieg viele Verwandte verloren, und ich fühle mit diesem Palästinenserpaar, das im Kreuzfeuer der Geschichte steht. Natürlich sind ihre Geschichten unterschiedlich, Juden haben den Holocaust erlebt und mussten sechs Millionen Tote betrauern. Das ist den Palästinenser nicht widerfahren, aber sie leiden immer noch sehr unter den Zuständen im Nahen Osten.

Heute dokumentieren oft mehrere Fotografen besondere Momente der Geschichte, aber in vielen Fällen ist es nur ein Bild, das ein Ereignis definiert. Woher kommt es, das ein Foto das kollektive Bewusstsein durchdringt, während andere in Vergessenheit geraten?

An die Geschichte der Zivilisation erinnern wir uns durch die Schrift, aber auch durch schöne Gemälde und Bilder, die ein Ereignis symbolisieren. Ich glaube, dass das kollektive Gedächtnis die Ereignisse durch einzigartige Bilder, die die Zeit überschreiten, speichert. Menschen haben die Dinge immer auf Kosten anderer vereinfacht, um die Geschichte der Zivilisation verständlicher zu machen.

Dennoch gibt es heute viele Möglichkeiten, verschiedene Bilder eines einzelnen, erschütternden Ereignisses zu zeigen. Meist werden sie jedoch erst zu einem späteren Zeitpunkt verarbeitet, weil man das Ereignis weiter analysieren möchte. Diese „anderen“ Bilder können einen tieferen Einblick vermitteln. Die Menschen brauchten schon immer einfache Symbole, bevor die Zeit der Reflexion begann. Wenn diese Zeit gekommen ist, sorgen die „anderen“ Bilder für ein umfassenderes Verständnis.

Welche Ihrer zahlreichen Reisen und Erlebnisse hat Sie am stärksten geprägt?

Mittelamerika, El Salvador und Guatemala während der Bürgerkriege. Fotografen und Filmemacher, die ich kannte, verloren dort ihr Leben. Es herrschte die Gewalt, aber es gab auch Zärtlichkeit in unseren Beziehungen zu den Menschen dort. Wir waren sehr emotional und politisch engagiert.

Ihre erste Monografie, „Journal D’Un Photographe“, ist im Oktober 2018 erschienen. Können Sie uns mehr über diese intime Sammlung von Fotos berichten?

Ich habe die meisten, wenn nicht sogar alle, meiner Filme aufgehoben. Erst kürzlich stieß ich auf meinen ältesten Kontaktbogen mit Aufnahmen, die ich lange vor meiner Ausbildung zum Fotografen gemacht hatte. Mir wurde klar, dass während bestimmter Zeitpunkte in meinem Leben meine ganze persönliche und berufliche Arbeit miteinander verwoben war: als ein Mittel der Erinnerung. Für das Buch haben wir uns für eine chronologische Folge entschieden, sodass ich persönliche und professionelle Fotos mischen konnte.

Meine Eltern, die wie gesagt nicht sehr gut miteinander auskamen, waren mir aus verschiedenen Gründen sehr wichtig. Sie waren sehr bescheiden, ehrlich und haben hart gearbeitet. Ich weiß jetzt, dass mir ihre Lebenseinstellung sehr geholfen hat, und dafür bin ich sehr dankbar. Neben meinem Berufsleben wollte ich ihnen einen guten Platz in diesem Buch geben.

Wie hat sich der Fotojournalismus seit Beginn Ihrer Karriere verändert? Und wie sehen Sie seine Zukunft?

Früher haben Zeitungen und Zeitschriften mehr Fotos als heute gebracht. Ihre Berichterstattung war persönlicher, weil sie eigene Fotografen ins Feld geschickt haben. Heute kommt das wegen des Internets seltener vor.

Die Medien versuchen, so viel Geld wie möglich zu sparen. Die großen Pressekonzerne werden heute von Betriebswirtschaftlern gelenkt, die glauben, dass die Presse ein Geschäft wie jedes andere sei. Das ist ein schrecklicher Irrtum.

Die Presse hat eine Informationspflicht, die oft nicht im Einklang mit der jeweiligen Regierungspolitik steht. Daher ist die Presse ein unglaublich wichtiges Element in jeder Demokratie, die sich selbst respektiert und ein System der Kontrolle und des Ausgleichs bietet. Ich bin sehr besorgt darüber, dass die neuen Eigentümer der Presse das nicht zu verstehen scheinen. Sie wollen vor allem Geld verdienen.

Jetzt und in Zukunft glaube ich, dass sich jeder Fotograf von anderen Medien abheben und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann, indem er an sehr persönlichen Projekten arbeitet und sich stark auf den Inhalt seiner Bilder konzentriert.

Wenn Sie allen angehenden Fotojournalisten einen Ratschlag geben könnten, welcher wäre das?

Sie sollen versuchen, das Beste aus sich herauszuholen, aber nicht versuchen, die Besten zu sein, denn dann würden sie ihre Seelen verlieren.

 

Weitere herausragende Fotos aus Alain Kelers langer Karriere finden Sie auf der MYOP -Website, mehr über seine Monografie „Journal D’Un Photographe“ erfahren Sie bei Les Editions de Juillet.

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