Als 1970 Ralph Gibsons erstes großes Werk „The Sonambulist“ erschien, markierte es einen großen Moment in der Entwicklung der Fotografie. In einer Zeit, in der das Medium im Wesentlichen dadurch definiert war, die Realität fotojournalistisch zu dokumentieren, war Gibson einer der ersten Vertreter eines neuen Ansatzes. Inspiriert von Künstlern, Schriftstellern und Musikern jener Zeit, war „The Sonambulist“ ein Zeichen für einen aufrüttelnden Wandel in der Bildsprache der Fotografie.

Geboren am 16. Januar 1939 in Los Angeles, Sohn eines Regieassistenten bei Warner Bros., erinnert sich Gibson daran, wie die Illustrierte „Life“ in seiner frühen Kindheit auf ihn gewirkt hat. Beim Blättern durch die Seiten lernte er, ein Schwarz-Weiß-Foto zu lesen. Vor dem Aufkommen der modernen Medien und des Internets steckte die visuelle Kompetenz noch in den Kinderschuhen. Im Rückblick auf die letzten 50 Jahre stellt Gibson fest, dass es die heutige Bildsprache nicht schon immer gab. Wie jede andere Sprache musste auch sie gelernt werden.

„Ich war schon ganz und gar entwickelt, aber ich wusste es nicht.“ Aufgenommen mit Gibsons erster Leica, einer M3, im Jahr 1961.

 

In Gibsons eigener Ausbildung lief nicht alles rund. Er verließ die Highschool im Alter von 16 Jahren und arbeitete als Mechanikerlehrling. Sechs Monate später schrieb er sich bei der U.S. Navy ein und begann in Pensacola, Florida, eine Ausbildung zum Foto-Assistenten. Er profitierte von der Expertise seiner bestens qualifizierten Dozenten – schaffte es aber dennoch durchzufallen. „Ich hatte meine Familie, die Highschool und jetzt die Fotoschule enttäuscht.“

Nachdem Gibson an seinen Vorgesetzten in Pensacola geschrieben hatte, wurde er noch einmal aufgenommen und bestand den Kurs im zweiten Anlauf. 1959 wurde er auf die U.S.S. Tanner, ein Spezialschiff für hydrografische Aufgaben, versetzt. Die Bedingungen an Bord waren beengt und abweisend und so suchte der neue Rekrut Trost in der Dunkelkammer des Schiffs. Umgeben von riesigen Vorräten an Material und Ausrüstung ging er seinen autodidaktischen Neigungen nach und „lernte, wie man lernt“.

An Bord der U.S.S. Tanner entschied sich Gibsons Schicksal, Fotograf zu werden. Während eines heftigen Sturms war er für die Hundswache eingeteilt und heulte, mit einer Rettungsleine gesichert, in den Wind: „Ich werde Fotograf!“ Von da an gab es kein Zurück mehr: „Über diesem wütenden Sturm funkelte mein Glücksstern. Eine Berufung ist absolut, ein Geschenk der Götter (…) Das Schlimmste, was mir je passiert ist, erwies sich als das Beste.“

Nach 3 Jahren, 6 Monaten, 27 Tagen und 10 Stunden in der U.S. Navy ging Gibson in New York von Bord – und machte sich direkt auf den Weg in die extravagante Kunstszene der 10th Street. Inspiriert von Malern wie Jackson Pollock und Franz Kline oder Jazzmusikern wie Sonny Rollins suchte Gibson nach einer neuen, abstrakteren Ausdrucksform durch die Mittel der Fotografie. Die erforderlichen technischen Fähigkeiten besaß er, aber ihm fehlten Erfahrung und vor allem eine klar umrissene kreative Stimme.

Gibsons früher Stil war grafisch in der Komposition mit ausgeprägten Schwarz-Weiß-Kontrasten, doch ihn beschäftigte die Suche nach sinnvollen Inhalten. 1961 lieh ihm der Leiter der Fotoabteilung der California School of Fine Arts eine Leica M2 mit einem 35-mm-Objektiv. Das war der Beginn seiner Beziehung zu Leica Kameras, die die nächsten 50 Jahre anhalten sollte und die immens dazu beigetragen hat, seinen visuellen Stil zu formen. In seiner jüngsten Autobiografie „Self-Exposure“ (2018) schreibt Gibson: „Meine Leica und ich sind voneinander abhängig.“

1961 wurde er Assistent von Dorothea Lange. Nachdem er ein Jahr für die Dokumentarfotografin gearbeitet hatte, durfte er ihr seine Arbeiten zeigen. Lange kommentierte, dass es seinen Bildern an einem „Ausgangspunkt“ mangele. Diese Kritik half Gibson zu erkennen, dass jede Aufnahme eine Relevanz für ein größeres Ganzes haben muss. Es war ein Wendepunkt, der sein Werk „The Sonambulist“ stark beeinflussen sollte.

„Jedes Bild muss Teil eines laufenden Projekts sein. Sonst hat man kein Werk, sondern lediglich eine Kiste mit Fotos.“

In den frühen 1960er-Jahren begann Gibson als Fotojournalist zu arbeiten, verfeinerte seine fotografischen Fähigkeiten auf der Straße und schaffte es, sich von Job zu Job zu hangeln. Allerdings sehnte er sich nach der reichen Kultur New Yorks und kehrte 1966 an die Ostküste zurück.

Gibson hatte dem Magnum-Fotografen Bruce Davidson einen Gefallen getan und der spendierte ihm im Gegenzug eine Woche im Chelsea Hotel. Dort kam er mit einer Reihe von Künstlern in Kontakt, die später Meister ihres Fachs werden sollten, und aus einer Woche wurden drei Jahre.

Nachdem er die Zeit als Magnum-Nominee absolviert hatte, erlosch in den1960er-Jahren Gibsons Wunsch, Fotojournalist oder Werbefotograf zu werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte er die Theorie und Praxis der Fotografie vollständig verinnerlicht. Die Geschicklichkeit, die Gitarre spielen und das Üben von Zaubertricks vor dem Spiegel mit sich bringen, unterstützte seine Fähigkeiten im Umgang mit der Kamera, aber Gibson hatte keine Lust, für Zeitungen und Zeitschriften zu fotografieren. Ihm war die Vorstellung zuwider, dass Menschen ein Bild sehen und die Seite umblättern, ein Bild sehen und die Seite umblättern und immer so weiter. Er wollte Bilder mit Beharrungsvermögen und nicht nur „flüchtige Ephemera“ schaffen, um seine Terminologie zu verwenden.

„Fotograf zu sein, ist die einfachste Sache auf der Welt – man muss nur auf den Knopf drücken. Aber das Schwierigste ist, ein Bild zu machen, das man sich lange ansehen kann.“

In dieser Zeit war Gibson jedoch mit neun Monatsmieten im Rückstand und hatte drei seiner Leicas verpfändet. Es war eine schwierige Zeit, und er hatte, wie er selbst zugab, zunächst Mühe, die eigenen Arbeiten zu verstehen. Auf der Suche nach einem „Ausgangspunkt“ begann er, seine Fotos in der winzigen Kochnische von Zimmer 923 im Chelsea Hotel aufzuhängen. „Ich wusste, dass ich versuche, etwas auszudrücken, aber ich erkannte es nicht, bis ich es vor mir sah.“

Das war ein wichtiger Schritt bei der Entstehung von „The Sonambulist“. Zum ersten Mal betrachtete er seine Bilder über einen längeren Zeitraum. „Tag für Tag, um alles zu verstehen, was in diesen Bildern enthalten war.“ Er verfeinerte auch sein Verständnis von Bildproportionen, Grafikdesign und der Komposition eines Buchs, getrieben von dem Wunsch, dass die Bilder sagen, was sie sagen sollen. Bis heute erforscht Gibson diese Prinzipien in seinen Workshops und entwickelt sie weiter.

„Wenn Sie mehr über Ihre eigenen Aufnahmen erfahren möchten, suchen Sie sich einen bequemen Stuhl und schauen Ihr bestes Bild drei Stunden lang an, ohne die Augen davon zu lassen. Das ist eine Qual, aber anschließend wissen Sie viel mehr darüber, wer Sie als Fotograf sind.“

Um sich von allen kreativen Zwängen zu befreien, verließ Gibson Magnum Photos, gründete Lustrum Press und veröffentlichte 1970 „The Sonambulist“. Das Buch war ein großer Erfolg und im Alter von 30 Jahren hatte Gibson die Anerkennung und persönliche Zufriedenheit erreicht, nach der er sich sehnte.

Um dem Medium etwas zurückzugeben, veröffentlichte Gibson ab 1971 Arbeiten von Freunden, „Tulsa“ von Larry Clark und, 1972 „The Lines of My Hand“ von Robert Frank. Von ihm selbst erschienen 1972 „Déjà vu“ und 1974 „Days at Sea“. Sein subjektiver, abstrakter Ansatz war gekoppelt mit einer Rekontextualisierung der Bilder durch das Layout und ihre Abfolge. Gibson definierte den Akt der Vermittlung von Bedeutung durch Bilder neu. So entstand eine neue Bildsprache – eine Sprache, die von der Welt der Träume, Erinnerungen und der Funktionsweise des Unterbewusstseins erzählte.

In den Jahrzehnten, die folgten, bereiste Gibson die Welt und freundete sich mit vielen der meisterlichen Fotografen an, etwa mit Cartier-Bresson, mit Kertész und Lartigue. Er arbeitete weiterhin intensiv und entwickelte und erweiterte seine Bildsprache.

„Reisen nimmt mehr Sinne in Anspruch als jede andere Aktivität oder jedes andere Phänomen: Licht, Geruch, Geschmack, Sprache. Reisen ist das Sinnlichste, was man tun kann (…) Die Formen und Farben eines Ortes werden zu seiner visuellen Syntax, rekontextualisiert durch den Akt der Fotografie.“

Außerstande durch das, war er in der Vergangenheit erreicht hatte, in der Gegenwart Befriedigung zu erlangen, und getrieben von einem unstillbaren Wissensdurst, hat Gibson nach immer neuen Formen der Fotografie und visuellen Kommunikation gesucht. Er hat sich genau mit den Nuancen der einzelnen Brennweiten befasst, hat sich die Farbfotografie und in jüngster Zeit die Digitalfotografie erschlossen und sagt, dass „die Fotos, die mich am meisten interessieren, meine nächsten sind“.

Anlässlich seines 80. Geburtstages am 16. Januar 2019 eröffnet die Leica Galerie in Los Angeles die Ausstellung „Digital Color“. Sie ist ein weiteres Zeugnis für Gibsons lange Karriere und für seine andauernde Suche nach dem noch nicht Gesehenen. Dieses Bild aus der Ausstellung hat Gibson im Alter von 79 Jahren aufgenommen. Der digitale Sensor seiner Kamera zeigt eine rote Linie im negativen Raum des Beinschattens – ein Phänomen, das Gibson sehr freut. „Ein Medium ist jemand, der in eine Kristallkugel schaut und etwas sieht, was andere nicht sehen können. Die Fotografie ist ein Medium. Ich kann als Fotograf mehr sehen als mit bloßem Auge.“

In der Diskussion über digitale Medien und ihre Auswirkungen auf die Fotografie macht Gibson eine deutliche Unterscheidung: „Digitale Medien haben dazu geführt, dass sich die Natur der Fotografie gewandelt hat (…) sie ist eine Form der Kommunikation, nicht der Kunst.“ Dennoch schätzt er die Möglichkeiten, die verschiedene Online-Plattformen bieten, und spricht begeistert über die YouTube-Tutorials, die er sich am Abend gerne ansieht. Er hebt hervor, dass sich das Leben schneller als je zuvor bewegt, und sicherlich genießt er die Fahrt: „Die meisten Männer in meinem Alter sind entweder im Ruhestand oder tot oder beides.“

Eine Konstante in seiner außergewöhnlichen, über 50-jährigen Karriere war Leica. Gibson beschreibt die einzigartige Haptik des Leica M-Systems und meint: „Leica hat die Ergonomie erfunden, bevor das Wort erfunden wurde.“ Er hat sich der Leica M verschrieben, weil er schon früh erkannte, dass die Kamera alles konnte, was er wollte, und begab sich nicht auf die endlose Suche nach immer neuer Ausrüstung.

Dieser Begeisterung für Leica kommt nur Gibsons Hingabe an die Fotografie selbst gleich. Seit dem Moment auf dem Deck der U.S.S. Tanner, in dem ausrief, Fotograf zu werden, folgte er unerschütterlich einem Weg, um ein seltenes Ziel zu erreichen. Mit Bezug auf eine Notiz in seinem Tagebuch erklärt er, dass es theoretisch drei Phasen im Leben eines großen Fotografen gebe. Zuerst lerne man Fotografie, dann diene man ihr und die Wenigsten „werden“ eines Tages Fotografie. Er spricht von seinem engen Freund Kertész, der einen solchen Status erreicht habe, und man kann sich nur fragen, ob das eines Tages auch über den Fotografen Ralph Gibson gesagt wird.

 

Ein umfangreiches Archiv der Fotografie von Ralph Gibson finden Sie auf seiner Website.

Folgen Sie diesem Link, um mehr über seine aktuelle Ausstellung „Digital Color“ in der Leica Gallery Los Angeles zu erfahren.

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