Nikos Economopoulos, geboren auf dem Peloponnes in Griechenland, nahm nach dem Studium der Rechtswissenschaften eine Tätigkeit als Journalist auf. Nachdem er 1988 begonnen hatte, in Griechenland und der Türkei zu fotografieren, gab er den Journalismus auf, um sich ganz der Fotografie zu widmen. Bereits 1990 wurde er Mitglied der Agentur Magnum Photos; eines seiner Ziele war der Balkan, den er intensiv bereiste.

In den 90er-Jahren konzentrierte sich Economopoulos auf die Themen Grenzen und Grenzüberschreitungen, er fotografierte die Bewohner der „Grüne Linie“ genannten Pufferzone auf Zypern und die massenhafte Emigration ethnischer Albaner aus dem Kosovo. Während dieser Zeit begann er auch, Roma und andere Minderheiten zu fotografieren. Eine Retrospektive seiner Arbeit mit dem Titel Economopoulos, Photograph erschien 2002 und wurde später im Benaki Museum, Athen, ausgestellt.

Vor Kurzem hat sich Economopoulos der Farbe zugewandt. Derzeit verbringt er die meiste Zeit außerhalb Griechenlands, er reist, lehrt und fotografiert im Rahmen seines Langzeitprojekts On The Road auf der ganzen Welt.

Wir sprachen mit Nikos Economopoulos über seine Inspirationen und darüber, wie sein irrationaler Ansatz den Zugang zu einer emotionalen, magischen und surrealen Landschaft jenseits der Grenzen der wahrgenommenen Realität ermöglicht.

Sie haben Ihr Berufsleben als Journalist begonnen und sind dann zur Fotografie gewechselt. Wie kam es dazu?

Ich wusste immer, dass ich mich der Fotografie zuwenden würde. Aber es war mir wichtig, den Blick des Amateurs zu behalten und meine Freiheit zu bewahren. Ich wollte nicht, dass mein Lebensunterhalt davon abhängt, denn das hätte meine Freiheit zu recherchieren eingeengt.

Welche Fotografen und Künstler haben Ihre Arbeit inspiriert?

Henri Cartier-Bresson war mein erster Bezugspunkt, mein Fenster zur Welt. Und dann Sergio Larrain und Josef Koudelka – das sind meine fotografischen Einflüsse. Es gibt auch eine Vielzahl anderer Künstler, darunter der montenegrinische Schriftsteller Branimir Scepanovic, der griechische Musiker Dionysis Savvopoulos und der serbische Regisseur Emir Kusturica. Generell haben die Literatur und das Kino des Balkans meine Weltanschauung tief geprägt.

Sie haben eine Reihe von Werken über das Leben auf dem Balkan veröffentlicht. Was fasziniert Sie an dieser Region?

Was mich anzog und meine Vorstellungskraft anregte, war das Balkan-Paradoxon. Ich konnte nicht verstehen, wie diese Gesellschaften, die sowohl geografisch als auch symbolisch so nahe beieinander liegen, in ihren Kulturen, Sprachen und ihren gemeinsamen Kämpfen, ihren Lebensweisen und Weltbildern, wie diese Kulturen so viel Gewalt auslösen konnten. Wie können Ähnlichkeit und Spannung koexistieren? Und wie können sie so intensive Emotionen füreinander hegen? Das Blut und der Honig (bal-kan), auf die der Name hinweist. Es gab eine gewisse Vertrautheit für mich, Spuren, die ich in Ereignissen und Gesten oder Einstellungen der Menschen erkennen konnte.

Ich erinnere mich an drei Albaner in Pristina, die eines Abends zusammen tranken und alle darauf bestanden, am Ende zu zahlen, bis einer von ihnen ein Messer zog und die anderen bedrohte, um zu siegen. Das ist nicht leicht zu verstehen, geschweige denn zu erklären, aber in meinen Augen schien es mir irgendwie vertraut. Wahnsinnig und brutal, aber auch zärtlich und faszinierend.

Wie gehen Sie an Ihre verschiedenen Projekte heran? Wie erzählt man die Geschichten der Menschen und Kulturen, die man fotografiert?

Fotografie ist für mich nicht vorsätzlich. Sie ist eine reine Sache des Instinkts. Ich bereite mich nicht vor, sondern reagiere lieber auf das, was ich sehe und erlebe. Ich gehe ungern mit einer vorher konstruierten Annahme irgendwohin, sondern mit ein paar grundlegenden Werkzeugen und Informationen, die ich zusammenfüge, um die Dinge so frei und offen wie möglich erleben zu können. Auf diese Weise ist jeder neue Ort ein Wunderland.

Oft denke ich, dass ich besser organisiert sein und Notizen vorbereiten und aufbewahren sollte, aber am Ende funktioniert es nie. Ich kann die Fotografie nicht als einen rationalen Prozess betrachten. Den Zugang zur Welt als magische Landschaft aufrechtzuerhalten, ist überlebenswichtig für mich. Ich fürchte, dass ich sonst die Emotion verliere, das, was mich tief im Inneren bewegt, das nicht Erzählte.

Was ich in einem Bild darstelle, ist das, was sich nicht mit Worten sagen lässt. Es ist nicht unbedingt das, was eine vertraute Saite anklingen lässt oder was als Neuheit oder gar exotische Andersartigkeit erscheint. Letztlich muss es sich dabei um innere Verbindungen handeln, um eine Gemeinsamkeit von Emotionen.

Ich mache meine besten Fotos an Orten, an denen es eine Fülle menschlicher Interaktion gibt, wo Grenzen überschritten werden, wo Reizschwellen überschritten werden, wo das Leben überläuft. Die visuelle Erfahrung ist das Ergebnis, nicht der Ort, an dem die Aufnahme entstand. Ohne die menschliche Erfahrung ist alles nichts. Das ist die Absicht. Von dort kommen die Bilder. Es ist das, was den Bildern Leben einhaucht.

Ihre Fotos haben oft ein surrealistisches Element, etwa abgeschnittene Körperteile oder unvollständige Motive. Wie gehen Sie bei diesen Kompositionen vor? Was versuchen Sie im Auge des Betrachters zu erreichen?

Ich kann es nur wiederholen, Fotografie ist für mich ein instinktiver Prozess. Ich denke nicht an Kompositionsregeln und versuche auch nicht, eine Wirkung zu erzeugen oder eine bestimmte Symbolik durchzusetzen. Das ist eine Sprache, die mich nicht interessiert. Es gibt keine Idee in meinem Kopf, die ich dann versuche, in einem Bild umzusetzen. Eher im Gegenteil.

Der Surrealismus, den Sie in meinen Bildern sehen, ist eine Spur der Subversion. Denken Sie zum Beispiel an Kinder, die mit einem Ball spielen. Was ich in diesem Fall suchen würde, wären die Bewegungen um einen Ball herum, aber nicht den Ball selbst. Befindet sich der Ball im Bild, ist die Antwort da, aber sie weckt keine Neugier. Aber ist er nicht da, dann bleibt die Dynamik der Gesten und der Körper um einen Ball herum, die Freude am Spiel, ohne dass sich das Spielobjekt im Blickfeld befindet. Und man wundert sich. Das ist es, wonach ich suche, das Element des Wunders.

Ich denke, was ich suche, ist nicht die Wahrheit, im Sinne einer einzigen, unbestrittenen Wahrheit. Letztlich ist es die Lüge, die Aufhebung des Zweifels. Es ist, als würde man eine Frage stellen und ohne Antwort weitermachen, ohne die zugrunde liegende Wahrheit aufzudecken, aber Schicht um Schicht andere Fragen, die auf unterschiedliche Wege führen. Wie im richtigen Leben. Das ist der Surrealismus der Realität. Was wir versuchen, in rationale Schachteln zu quetschen, passt nie. Es geht um Emotionen, nicht um Erklärungen.

Ich habe nicht einmal das Gefühl, eine Geschichte zu erzählen. Ein Fotograf beantwortet nicht die Frage, die das Bild stellt. Er stellt nur eine weitere Frage. Der Betrachter muss sich die Gedanken machen. Er nimmt teil an diesem Wunder oder bewirkt es sogar.

Wie beschreiben Sie den daraus resultierenden Stil Ihrer Bilder, in denen Balance und Spannung gleichermaßen herrschen?

Ich kann es nur mit dem Bild selbst beschreiben, nicht mit Worten.

Sie haben jahrelang in Schwarz-Weiß fotografiert, wann haben Sie mit Farbe angefangen? Durch was unterscheiden sich Schwarz-Weiß und Farbe für Sie am stärksten?

Schwarz-Weiß war viele Jahre lang eine Einbahnstraße. Es ist einfacher, deduktiver und erlaubt die Abstraktion, weil Schwarz-Weiß einen wesentlichen Teil der Realität – die Farbe eben – nicht zeigt. Es transzendiert die Realität und macht das Ergebnis damit surrealistischer. Diese Fähigkeit, über die Realität hinauszugehen, hat mich fasziniert.

Mit analogem Film habe ich immer Schwarz-Weiß verwendet und nach der Umstellung auf digital nur noch Farbe. Die Kosten waren auch ein Problem, man konnte Farbe nicht so preiswert drucken wie Schwarz-Weiß.

Farbe ist dagegen realistischer. Es ist viel komplizierter, die gleichen Kontraste und Spannungen, das gleiche Gefühl von Surrealismus zu erreichen. Farbe ist schwieriger, herausfordernder, weil sie die Realität mit größerer Präzision abbildet. Visuelle Gültigkeit erfordert daher einen höheren Aufwand. Es genügt nicht, die richtige Balance von Form und Inhalt zu finden, was in Schwarz-Weiß ausreicht. Wenn Sie die Realität detaillierter und präziser beschreiben, laufen Sie Gefahr, dass das Ergebnis zu konventionell ausfällt. Daher müssen Sie sich auch anderer Mittel bedienen. Wie das Licht, seine Qualität und die Balance zwischen den verschiedenen Farben. In Schwarz-Weiß können Sie Dinge mit diffusem Licht machen, während in Farbe das Verhältnis zwischen hohen und niedrigen Lichtwerten viel interessanter ist.

Was war Ihre erste Leica und was schätzen Sie an Leica Kameras besonders?

Meine erste Leica war eine M3 mit 50-mm-Objektiv, also deutlich beeinflusst von dem, was Cartier-Bresson benutzte, und seither habe ich immer eine Leica besessen. In den vergangenen zehn Jahren habe ich eigentlich keine andere Kamera benutzt. Das ist eine so lange Zeit, dass ich mir mein Leben als Fotograf gar nicht mehr anders vorstellen kann. Ich mag es nicht, mein Werkzeug zu wechseln. Die großen, extravaganten Kameras erschrecken mich oft. Ich finde die Schlichtheit der Leica sehr kreativ. Sie hat die perfekte Balance, die ein kreatives Werkzeug braucht.

Sie unterrichten Fotografie und bieten im Rahmen Ihres Projekts „On The Road“ auch Workshops an. Berichten Sie uns ein wenig mehr darüber.

Die Workshops biete ich seit zwölf Jahren an, um die Freude und die Freiheit des Reisens mit Gleichgesinnten zu teilen. In diesem Zusammenhang lehre ich. Tagsüber folgt jeder seinem eigenen Weg, alle erkunden die Gegend und fotografieren allein. Am Abend treffen wir uns dann und bearbeiten die Ergebnisse des Tages. Im Laufe dieser Sessions entfaltet sich eine ganze Welt. Die Workshops sind aufgebaut wie ein redaktionelles Meeting. Gleichzeitig gibt es einen Austausch untereinander, der schwer zu beschreiben ist. Für mich hat es etwas Magisches, andere während des Prozesses zu begleiten, in dem sie ihren Blick, ihre Stimme finden. Es ist eine Transformation, die meine Seele nährt. In der Regel treffen wir uns im Verlauf der Reise immer wieder, uns verbindet etwas, das ich sehr schätze.

Ich ziehe es vor, auf diese Weise zu reisen und frei zu recherchieren, ohne die Einschränkungen und Auflagen, die ein Auftrag mit sich brächte. Die Reiseziele wechseln jedes Jahr, aber es gibt ein paar, an die ich eher zurückkehre, etwa nach Istanbul und Havanna, wo ich mich ein wenig wie zu Hause fühle. Dabei ist die Intensität der menschlichen Interaktion bestimmend, die Art und Weise, wie das Leben auf der Straße gelebt wird, über nationale Grenzen oder strukturierte Regionen hinweg. Ich bin fasziniert, wenn Reizschwellen überschritten werden, wenn der Zweifel aussetzt und Emotionen in gemeinsamen Räumen ausgetauscht werden, von den kleinen Wundern des Lebens auf der Straße.

Welchen Ratschlag geben Sie jemandem, der seine Fotografie verbessern möchte?

Versuch, frei zu sein und die Freiheit zu kultivieren. Vertrau deinem Instinkt, füttere ihn, mach das, was dir Freude bereitet. Das ist der Schlüssel zu den Antworten und zu noch mehr Fragen.

Sehen Sie mehr von Nikos Economopoulos’ fantastischer Street Photography auf der Magnum -Website und bei Instagram.

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