Emily Garthwaite ist eine Fotojournalistin neuen Typs. Sie nutzt intensiv die Sozialen Medien und verweigert sich vorgefassten Meinungen darüber, was Fotojournalismus ist. Damit hat sich die 25-jährige Britin in ihrem Arbeitsgebiet bereits ganz oben positioniert. 2017 und 2018 nahm Garthwaite an der Arbain-Pilgerreise nach Kerbela, Irak, teil, erzählte die Geschichten der Menschen, die sie dort traf, und teilte ihre Erfahrungen täglich auf Instagram.

Hunderttausende in aller Welt schätzen Garthwaites entwaffnendes, ehrliches Wesen. Ihr Arbain-Projekt gewinnt auch dadurch an Reiz, dass es ihr gelang, bisher unvorstellbare Einblicke in dieses Ereignis zu erhalten, über das die Medien nur selten berichten. In einem offenen Brief an unseren Redakteur Pete Littlewood erzählt Garthwaite von ihren Erfahrungen auf der Arbain-Pilgerreise.

Fahnenträger tragen die Farben ihres Landes und schwarze Trauerfahnen für Imam Hussein.

Lieber Pete,

ich habe beschlossen, Dir einen offenen Brief zu schreiben. Obwohl wir uns nicht persönlich kennen, haben wir uns doch schon öfter per E-Mail ausgetauscht. Als Du mich gebeten hast, über die Arbain-Pilgerreise zu schreiben, war mir gleich klar, dass ich meine Erfahrungen teilen will. Seit 2017 fühle ich mich einer Gemeinschaft unglaublich stark verbunden, die mich mit offenen Armen empfangen und mir erlaubt hat, ihre Geschichten zu erzählen. Im Fotojournalismus geht es zweifellos darum, die Welt um uns herum neutral und mitfühlend zu dokumentieren. Das beeinflusst auch den Fotografen – in meinem Fall hat es mein Leben verändert. Was ich für die Fotografie empfinde, ist noch das gleiche wie damals, als ich als 15-Jährige zum ersten Mal eine Kamera in die Hand genommen habe.

Ich bin jetzt 25 Jahre alt und in meinem Leben war der Irak immer eine Krisenregion. In Großbritannien bin ich mit Fotos aus dem Irak aufgewachsen, die die Medien veröffentlicht haben – Fotos von kargen Landschaften, Kämpfern, Bomben und Staub. Ich bin fest davon überzeugt, dass ein Land nicht durch Krieg definiert wird, und doch haben sich die westlichen Medien zumeist auf die Konflikte im Nahen Osten konzentriert. Als Kind glaubte ich deshalb, dass der Nahe Osten eine grausame Region sei. Es ist wichtig, dass wir über die anhaltenden Kämpfe berichten, die dort in vielen Ländern toben, aber es ist ebenso wichtig, auch die Schönheit dieser Länder zu zeigen. Ich habe den Irak fotografiert, nicht den Krieg.

2017 und 2018 nahm ich an der alljährlichen Arbain-Pilgerreise teil, die größte der Welt und doch kaum bekannt. Friedlich pilgern jedes Jahr bis zu 25 Millionen Menschen nach Kerbela zum Schrein von Imam Hussein, ein Enkel des Propheten Mohammed. Arbain bildet das Ende der 40-tägigen Trauerzeit nach Aschura, dem zehnten Tag des islamischen Monats Muharram, an dem Schiiten des Todes von Hussein gedenken. Hussein starb während der Schlacht von Kerbela im Jahr 680 den Märtyrertod, als er gegen die Armee des Kalifen Yazid I. kämpfte. Während Arbain erhält die weltweit größte Menschenansammlung kostenloses Essen, betreut von der größten Freiwilligengruppe, die sich für ein einzelnes Ereignis je zusammengeschlossen hat. Millionen von Pilgern machen sich von Nadschaf aus auf den Weg zum Hussein-Schrein in Kerbela, andere brechen sogar vom 700 Kilometer entfernten Basra im Südirak auf.

Sayed, 35, kämpfte fünf Jahre im Rahmen des freiwilligen irakischen Militärdiensts gegen die abfällig „Daesh“ genannten Soldaten des Islamischen Staats. Jetzt kehrte er, mehrmals in die Schulter und ins Schienbein getroffen, nach Hause zurück. Sayeds Vater und Großvater zogen gegen Saddam Hussein ins Feld – eine Familie bekannter Kämpfer: „Die freiwilligen irakischen Truppen sind sehr stark, geleitet von unseren lokalen religiösen Führern, die uns zu kämpfen befahlen. Wenn es notwendig ist, bin ich immer noch bereit, in den Krieg zu ziehen, so funktioniere ich jetzt. Gebt mir zwei Stunden, und ich bin da.“

 

Auch Saddam Hussein hat Arbain oft verboten, weil er befürchtete, dass sich die friedlichen Pilger bewaffnen und gegen seine Diktatur aufbegehren könnten. Vor dem Hintergrund der angespannten politischen Lage im Irak bleibt die Pilgerreise weiterhin das Ziel zahlreicher Terroranschläge, allein 2018 vereitelte der irakische Geheimdienst über 300 Daesh-Angriffe. Dennoch, Arbain ist eine lebensbejahende Erzählung über Widerstandsfähigkeit, Solidarität und Glauben. Es überrascht, dass dieses Ereignis der Welt fast unbekannt ist, die Kritik an diesem medialen Blackout ist weit verbreitet.

Regelmäßig lesen wir negative Nachrichten und zweifeln selten, doch bei positiven Geschichten über bestimmte Gemeinschaften hinterfragen viele Menschen die Intentionen, die dahinterstehen könnten. Daran muss ich jeden Tag denken. Wir verdienen keine Schwarz-Weiß-Malerei, wir sollten auch die Zwischentöne kennen. Es gibt Probleme in jedem Land der Welt, aber einige haben nichts als schlechte Presse.

2017 bat mich ein Team iranischer Dokumentarfilmer, eine Arbain-Doku zu drehen. Ich zögerte nicht lange und nach ein paar Wochen war ich in Nadschaf, der Stadt, in der das Grabmal von Imam Ali steht und wo die Pilgerreise traditionell beginnt. 2018 kehrt ich mit dem Dokumentarfilmer Farzan Nikpour zurück. Farzan ist mehr als ein Kollege oder Freund – ich betrachte ihn als meinen zweiten Vater. Ich nenne ihn Baba, „Vater“ auf Persisch. Wir teilen viele Erinnerungen, aber es sind die kontemplativen Momente, die ich nie vergessen werde. Einmal wanderten wir in der ländlichen Region um die Stadt Hilla durch Dattelpalmenhaine. Wir diskutierten über den Glauben, seine vielen Schattierungen und die Liebe zu den Menschen, die uns eint, obwohl unser Leben, unser Alter, unsere Religion und unsere Erfahrungen doch so verschieden sind.

Farzan und ich beschlossen, die Macht der Sozialen Medien zu nutzen. Ich erzählte auf Instagram Geschichten aus dem Irak – sogar mit Live-Streams aus den Häusern der Menschen. Ich wollte, dass man mich auf dieser Reise begleitet und die andere Seite des Irak sieht. Wir kamen ohne Plan ins Land und folgten einfach den lebensbejahenden Kräften. Viele Zuschauer glaubten wohl, wir hätten Meetings und Interviews vorher arrangiert, aber tatsächlich sprachen wir einfach mit allen, die wir trafen, und die uns ihre Türen öffneten. Ich verbrachte die Nacht mit irakischen Frauen und ihren Kindern, während Farzan bei den Männern blieb. Als wir Kerbela und den Schrein von Imam Hussain erreichten, gingen die Videos viral. Das zeigte mir mehr als alles andere, dass die Menschen gute Nachrichten sehen wollen.

Wenige Augenblicke nachdem ich zum Grabmal von Imam Ali durfte, sah ich eine ältere Frau in ihrem Rollstuhl. Man bemerkte sie sofort, weil die meisten Menschen in der Moschee auf dem Boden saßen oder auf Decken lagen. Sie war mit ihrem Bruder, der auf dem Foto hinter ihr steht, aus Afghanistan gekommen. Es war ihre erste Arbain-Pilgerreise, für sie war die Reise nach Kerbela ungewöhnlich lang und erforderte einen enormen Aufwand. Wenn er einmal zu müde und zu schwach sei, den Rollstuhl zu schieben, erzählte uns ihr Bruder, würde sie ihn schieben.

 

Die Sozialen Medien sind eigenartig. Meine Online-Sprache ist klar und offen, ich werde mich nicht an mein Publikum anpassen und meine Arbeit oder Persönlichkeit nicht ändern. Es ist ein befreiendes Gefühl, man selbst zu sein, und ich habe erst in den letzten zwei Jahren meine Stimme gefunden. Ich habe nichts dagegen, Follower zu verlieren, wenn ich dadurch meine Integrität bewahren kann. Man sollte seine Arbeit höher schätzen als die Anzahl seiner Follower. Ich möchte Freude an den Sozialen Medien, mein Account soll ein positiver Raum sein. Ich teile meine Welt online, auch viele intime Momente – aber zu meinen Bedingungen. Man muss vor allem seinen Instinkten vertrauen. Bei einem Auftrag kann es immer wieder herausfordernde Momente geben, aber ich zeige das Schöne, nicht das das Negative.

Es gibt noch so viel mehr, was ich Dir sagen will, aber ich möchte, dass Du weißt, dass ich 2019 wieder stolz darauf sein werde, bei der Arbain-Pilgerreise dabei zu sein.

Alles Gute,

Emily

 

 

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