In der Naturfotografie ist Norbert Rosing einer der bekanntesten Fotografen. Seine Bilder wurden in unzähligen Publikationen veröffentlicht, dutzende Reisen brachten ihn bis ans nördliche Ende der Welt. Vom 4. Mai bis zum 13. Juli zeigt die Leica Galerie Nürnberg einige der besten Aufnahmen von Norbert Rosing. Im Interview sprach er mit uns über die Herausforderungen und Vorzüge der Arktis-Fotografie, aber auch über die gefährlichsten Momente während seiner Zeit im hohen Norden.

Sie sind schon in Ihrer Kindheit ein begeisterter Naturbeobachter gewesen. Was hat Sie in Gebiete wie die Arktis geführt?

Die 1980er-Jahre waren eine sehr spannende Zeit für mich. Nach Kanada kam ich das erste Mal 1981. Ich kaufte einen alten Gebrauchtwagen und fuhr über den Dempster Highway nach Norden bis Inuvik. Nach Hause telefonieren war schwierig und teuer. GPS und Internet gab es nicht. Wetterberichte aus dem Norden waren kaum erhältlich. Ich fuhr in eine für mich völlig neue Landschaft. Die kanadischen Weiten faszinierten mich – der Himmel, die Luft, der Wind, die schlechten Straßen. Ich beschloss, Kanada öfter zu besuchen und ahnte noch nicht, dass Kanada und speziell Churchill an der Hudson Bay meine zweite Heimat werden sollte.

Viele Menschen sehen in der Arktis wahrscheinlich nur eine riesige Eiswüste. Was hat Sie fasziniert?

Ich war jung und wollte die Welt aus den Angeln heben. Die Bilder, die ich damals fotografierte, hatten Seltenheitswert. So hatte noch kaum jemand Polarlichter oder Eisbären fotografiert. Die Belichtung der Filme in Schnee und Eis war schwierig, die Filme teuer und die Kameras schwer. Aber ich hatte die Zeit als wesentlichen Faktor, und ich hatte die Leica R und den Fujichrome Velvia 50, der gerade auf den Markt gekommen war. Eine perfekte Kombination.

Zu Leica haben Sie eine ganz besondere Beziehung …

… die Qualität war schon damals kaum zu schlagen. Im Laufe der Jahre habe ich eine starke Bindung zu den Menschen bei Leica aufgebaut. Ich lernte die Mitarbeiter kennen, die „meine“ Objektive erfanden, fertigten und warteten. Ich erlebte alle Höhen und Tiefen der Firma, litt mit ihr und freute mich mit ihr. So ist es bis heute geblieben. In diesem Jahr, 2019, sind es 30 Jahre, die ich mich der Leica-Familie zugehörig fühle. Ein gutes Gefühl!

Wie kann man sich den Alltag eines Fotografen in der Arktis vorstellen?

Fast genauso wie in Deutschland: Die meiste Zeit verbringt man mit Warten! Warten auf das richtige Licht, warten, bis die richtige Location gefunden ist, warten, bis ich die richtigen Leute gefunden habe, die mir weiterhelfen können. Zeit ist einer der wichtigsten Faktoren in der Arktis-Fotografie. Ich muss herausfinden, wo ich die Eisbären finde, was sie wann zu welcher Jahreszeit machen, wann und wo ich Polarfüchse und deren Beutetiere finde. Zumeist halte ich mich für mindestens sechs Wochen an einer Location auf. Rückflüge aus der Hohen Arktis brauchen mindestens einen Zeitpuffer von einer Woche, falls Flüge wegen schlechten Wetters ausfallen.

Was war Ihr bisher anspruchsvollstes Fotomotiv und wie haben Sie es eingefangen?

Mein ausgefallenstes Fotomotiv waren die Moschusochsen in der Hohen Arktis, die ich im April fotografiert habe. Sie sind schwer zu finden und ich war tagelang mit Inuit-Führern auf Motorschlitten unterwegs. Im Schlitten lagen die Kameras, Objektive und Stative auf Fellen, um sie gegen die Schläge zu schützen und um sofort reagieren zu können. All das bei minus 25 bis minus 30 Grad und Wind. Wer mit dem R-System und den Apo-Telyt-Objektiven gearbeitet hat, weiß, von welchem Gewicht ich spreche: Mit Stativ, Kamera, Objektiv und Motordrive wuchtete ich bei jedem Stopp etwa 20 Kilogramm aus dem Schlitten. Der Anblick durch den Sucher hat mich dann aber voll entschädigt. Urweltlich standen die mächtigen Tiere mit ihren wehenden Fellen im Schneesturm vor mir. Diese Bilder hätten mich beinahe das Leben gekostet …

Was ist passiert?

Mein Führer und ich verirrten uns auf der Suche nach den Tieren in einem plötzlich aufgekommenen Schneesturm. Wir hatten keine Lebensmittel dabei, keine Getränke und nur per Zufall ein kleines Zelt und einen Schlafsack. Eine Übernachtung war nicht geplant –und der Sturm auch nicht. Er toste mit 60 bis 80 Stundenkilometern bei minus 17 Grad und hielt 24 Stunden an. In der Nacht bildete sich eine Schneewehe hinter meinem Rücken, meine Muskeln zitterten vor Kälte und Angst. Unsere Motorschlitten hatten nicht mehr genügend Benzin und die Zündkerzen verrußten schnell, weil zu viel Wasser im Benzin war. Es kam wirklich alles zusammen! Am Ende des zweiten Tages ließ der Sturm endlich nach und wir fanden eine alte Fahrspur zurück in den Ort. Dort stand schon ein großer Suchtrupp samt Flugzeug bereit. Seit dieser Tour reise ich niemals mehr ohne Satellitentelefon und GPS – womit ich dann auch in der Neuzeit angekommen wäre.

Ja, früher oder später holt die Technik einen ein! Apropos: Was ziehen Sie vor, analoge oder digitale Fotografie?

Tja, das digitale Zeitalter. Hätte es nicht mit seinem Erscheinen noch ein paar Jahre warten können? Ich war sehr glücklich mit den Diafilmen, Magazinen und Bildbänden. Erst vor wenigen Wochen belichtete ich aus Nostalgie wieder einmal 30 Umkehrfilme. Was für ein Genuss, diese Farben und diese Authentizität zu sehen. Leider kostet ein Dia vom Kauf des Films bis zur Rahmung einen Euro. Ganz schön teuer – aber etwas für die Seele.

Sie haben im Laufe der Zeit verschiedene Leica-Systeme benutzt, von R über M bis hin zu S. Wenn Sie sich entscheiden müssten, was wäre ihr Favorit?

Mit großer Begeisterung fotografiere ich seit drei Jahren mit der M Monochrom und genieße diese alte neue Art der Fotografie. 20 Filter schleppe ich seither mit mir herum.

Wo wollen Sie unbedingt noch einmal fotografieren?

Den Südwesten der USA möchte ich noch einmal als Langzeitprojekt angehen und mich „besoffen fotografieren“.

 

Bio:

Aufgewachsen im Münsterland, zog es Norbert Rosing immer wieder in den kalten Norden. Im Laufe seiner fotografischen Karriere führten ihn über 70 Reisen nach Kanada, Spitzbergen und Grönland. Auch wenn seine Liebe der Arktis-Fotografie gilt, behandeln zahlreiche Werke auch die Natur seiner deutschen Heimat. In seinem aktuellen Buch „Wildnis“ begibt Rosing sich erstmals auf die Pfade der Schwarz-Weiß-Fotografie.

Die Ausstellung „Wilde Arktis – Im Reich der Eisbären“ ist vom 4. Mai bis zum 13. Juli in der Leica Galerie Nürnberg zu sehen. Der Fotograf wird bei der Vernissage am 3. Mai im Zuge der „blauen Nacht“ anwesend sein.

 

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