Der Jenissei, einer der längsten Ströme der Welt, war die Leitlinie, der Nanna Heitmann durch Sibirien folgte. Entlang seiner Ufer traf sie Einzelgänger, Aussteiger und Träumer und hörte von den Mythen, die dort noch sehr lebendig sind. Als Ergebnis hat sie einfühlsame Aufnahmen aus einer fernen Welt mitgebracht.

Wie sind Sie auf die Idee für diese Serie gekommen?

Meine Mutter stammt aus Russland. Abgesehen von Moskau war Russland für mich aber immer nur ein großer dunkler Fleck auf der Landkarte. Also entschied ich mich dafür, ein Auslandssemester in Tomsk in Sibirien zu absolvieren. Bisher waren meine Vorstellungen von Russland hauptsächlich von sowjetischen Kinderfilmen und slawischen Märchen geprägt, die ich als Kind gelesen hatte und die zu meinen Inspirationen für die Geschichte Hiding from Baba Yaga gehören. Baba Jaga ist eine wichtige Figur in der slawischen Folklore. Sie ist eine unberechenbare und gefährliche Hexe, die in einer kleinen Hütte mitten im Wald lebt. Eines Tages nimmt sie das Mädchen Vaselisa gefangen. Mit Hilfe einer dünnen schwarzen Katze kann Vaselisa aus Baba Jagas Hütte entkommen. Die Hexe verfolgt Vaselisa, doch die erinnert sich an einen Ratschlag der Katze und lässt ein Handtuch und einen Kamm hinter sich fallen. An der Stelle entstehen sofort ein Fluss, sehr tief und sehr breit, und ein Wald so hoch und so dicht, dass Baba Jaga ihn nicht passieren kann.

Welche Bedeutung hat der Fluss für Ihre Serie?

Der Jenissei hat mich auf meiner Reise wie ein roter Faden geleitet. Er entspringt in der Republik Tuva, an der Grenze zur Mongolei, und schlängelt sich durch ganz Sibirien nach Norden, wo er schließlich in den Arktischen Ozean mündet. Seinen Spuren folgend, führte er mich durch die raue Wildnis der sibirischen Taiga, eine Region, die reich an uralten Mythen und Ritualen ist. Ich sah meine Reise zwar als Dokumentation des Lebens am Fluss, aber mehr noch als Dokumentation der Mythologie der Region. Ich suchte nach traumähnlichen Bildern. Schnell wurde klar, dass der Fluss selbst nicht so wichtig ist. Meistens habe ich nach interessanten Charakteren und nach interessanten Lebensweisen gesucht.

Wie haben Sie sich auf die Reise vorbereitet?

Ich lieh mir von Freunden einen russischen Jeep und eine Campingausrüstung. Mit ein paar Bildinspirationen und Orten, zu denen ich wollte, im Kopf fuhr ich los in Richtung Tuva. Dort half mir die Mutter einer Freundin, die dort als Geologin arbeitet, die richtigen Leute zu finden und an Ort zu gelangen, die ich sonst wohl nicht aufgesucht hätte. Größtenteils habe ich mich aber treiben lassen.

Was hat Sie an dem Leben am Fluss besonders fasziniert?

Sibirien ist unglaublich groß, ganze Regionen sind überhaupt nicht besiedelt. Wahrscheinlich gehört Sibirien zu den wenigen Gegenden auf der Welt, in denen es noch immer unerforschte Orte gibt. Das Klima ist extrem. Im Sommer bis zu 50 Grad plus, gerade in Tuva, im Winter sinkt das Thermometer auf bis zu 50 Grad minus. Heute zieht es viele Menschen in Richtung der großen Städte wie Moskau oder Sankt Petersburg. Umso spannender ist es, welch interessanten Charaktere man in Sibirien treffen kann, denen gerade diese Weite den Freiraum gibt, um nach ihren Lebensentwürfen zu leben.

Was hat sie an dieser Geschichte besonders herausgefordert?

Das Thema war sehr frei gewählt. Man wird von Millionen von Eindrücken konfrontiert und geht leicht in dieser Flut verloren. Der Fotograf Mads Nissen schrieb mir dazu: „Was zählt ist, wirklich zu wissen, wonach du suchst. Zu akzeptieren, dass du keine zusammenhängende Geschichte erzählen kannst – aber ein Gefühl dafür zu haben, was du suchst. Was ist das? Diese Fragen musst du dir Tag und Nacht stellen.“ Dieser Ratschlag war sehr hilfreich.

Wie war das Fotografieren mit der Leica M (Typ 240)?

Ich kann mir gerade keine andere digitale Kamera vorstellen, mit der ich an diesem Projekt hätte arbeiten können. Ich habe viel konzentrierter, aber ganz entschleunigt gearbeitet. Das Summilux-M 1:1,4/50 ASPH. schätze ich ganz besonders, denn das Bokeh ähnelt dem analogen Großformat am meisten.

Die Leica. Gestern. Heute. Morgen.

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Was bedeutet die Magnum-Nominierung für Sie?

Magnum Photos war für mich schon immer eine Ikone der Fotografie. Eine Agentur, die alle Fotografen vertritt, die ich seit meiner Kindheit bewundert habe. Einerseits sehe ihre Aufnahmen als historische Dokumente an, von denen so viele legendär sind, andererseits fasst die Agentur so viele verschiedene Handschriften zusammen, die mich inspirieren.

 

Nanna Heitmann wurde 1994 in Ulm geboren. Studium des Fotojournalismus und der Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover. Auslandssemester in Tomsk, Sibirien. Für ihre Arbeit wurde Heitmann 2018 in die Shortlist der Emerging Talents des Online-Magazins Lensculture aufgenommen. Weitere Auszeichnungen: Vogue Italia Prize beim Women Photographers Grant des Photographic Museum of Humanity 2018. Seit 2019 ist sie Kandidatin der Agentur Magnum Photos.

Erfahren Sie mehr über die Fotografie von Nanna Heitmann auf ihrer Website, der Website zum Leica Oscar Barnack Award und im LOBA-Sonderheft von LFI, das am 25. September 2019 erscheint.

Ein Portfolio mit Aufnahmen aus Heitmanns Serie ist in der LFI 3.2019 erschienen.