Einleitung

Das Ruhrgebiet, über ein Jahrhundert von Zechen, Bergbau, Schloten und Stahlwirtschaft geprägt, ist heute längst auch eine Region, die ungeahnte Lebens- und überraschende Freizeitqualitäten bietet. Wer hier nur auf seine Vorurteile setzt, der verpasst die lebendige Vielfalt. In seinem jüngsten Projekt hat Till Brönner das Ruhrgebiet visuell erforscht, hatte dabei nicht nur die sich stetig wandelnde Landschaft der Region im Blick, sondern hat vor allem Menschen, Typen und Originale entdeckt. Über ein Jahr lang war er immer wieder vor Ort, tauchte in das pralle Leben zwischen Ruhr und Emscher ein und präsentiert nun in Duisburg ein spannendes Kaleidoskop aus seinen Recherchen. Zur Eröffnung seiner ersten großen musealen Einzelausstellung sprachen wir mit dem Fotografen.

Interview

Wie gut kannten Sie das Ruhrgebiet bevor Sie mit Ihrer Serie begannen? Gab es bereits persönliche Verbindungen?
Jedenfalls keine familiären oder genetischen. Eigentlich bin ich ganz unvoreingenommen hingefahren. Die Verbindung, die es frühzeitig und immer wieder zum Ruhrgebiet gab, ist natürlich die Musik gewesen, denn ich habe als Jugendlicher auch im Landesjugendjazzorchester Nordrhein-Westfalen gespielt. Das war damals in Dortmund beheimatet und hatte ein wirklich hervorragendes Leitungsteam von Professoren und Dozenten, die für Nordrhein-Westfalen die besten jungen Jazzmusiker rekrutierten. Da sind viele Freundschaften und langfristige Verbindungen entstanden, von denen ich heute noch zehre. Und es gab natürlich Auftritte, das Ruhrgebiet war mich immer auch ein gutes Terrain für Musik.

Wie sind Sie bei der Serie vorgegangen?
Als ich gefragt wurde, war ich zunächst überrascht. Aber vielleicht war ja gerade mein Blick von außen gefragt und letztlich war es gut, dass ich unvoreingenommen an die Sache herangegangen bin. Denn hätte im Vorfeld erst einmal lange recherchiert, so hätte ich wahrscheinlich gar nicht angefangen. Ich bin kein Chronist oder Historiker, eher ein Journalist mit einer Kamera. Ich habe immer die Freiheit zu entscheiden, was ich künstlerisch wie dokumentarisch genauso spannend finde.

Was hat Sie vom ersten Moment an diesem Projekt gereizt?
Mir sind zwei Sachen aufgefallen: zum einen all das, was einmal war, schon Millionen Mal fotografiert wurde und was man aus vielen Büchern kennt. Zum anderen waren es Dinge, die mir durch ihre Inhomogenität aufgefallen sind. Dinge, die eines zweiten Blicks bedurften.

Dieser zweite Blick hat nun auch die Auswahl für die Präsentation bestimmt?
Am Ende steht immer die Frage: Was oder welches Werk sagt eigentlich etwas über die Menschen aus? Mir ging es um den Alltag im Ruhrgebiet. Mir war es wichtig, dass ich versuche, die Geschichte über die Menschen und eben nicht so sehr über die Bauwerke zu erzählen. Das hieß von Anfang an: Ich muss ganz nah heran an die Leute.

Konnten Sie überall fotografieren?
Ja, eigentlich sind wirklich fast flächendeckend die Türen aufgegangen.

War dabei Ihre Bekanntheit von Vorteil?
Ja und nein. Man bildet sich ein, immer erklären zu müssen, warum man jetzt fotografiert und nicht irgendwo ein Konzert spielt. Aber es war unheimlich toll, mich mit meiner Kamera einfach unerkannt irgendwo dazusetzen zu können, weil eben im Ruhrgebiet nicht unbedingt in jeder Straße mein musikalisches Klientel zu Hause ist. In diesen Momenten zeigte sich, wie die Menschen hier sind. Es war eben meist nicht so, dass ich erkannt wurde und alle sagten: „Natürlich können Sie ein Foto machen. Was für eine Ehre.“ Sondern spannender war eine Aufnahme mit demjenigen, der dich nicht erkennt, den du auf der Straße freundlich ansprichst und der erst mal zuhört, komisch guckt, aber dann versteht, dass es dir wirklich um das Ruhrgebiet geht und am Ende sagt: „Ja, machen Sie ruhig.“ Das ist wie ein Handschlag. Das hat am meisten Spaß gemacht und so soll es, ehrlich gesagt, auch sein.

Können Sie sagen, wie viele Tage Sie insgesamt unterwegs waren?
Nein, ich habe mich immer geweigert, die Zeit zusammenzuzählen, je klarer mir wurde, wie wenig Zeit mir für meine Familie und andere Dinge blieb. 2019 und vor allem in den letzten drei Monaten hat sich alles so unfassbar verdichtet. Zusammengerechnet war ich bestimmt ein halbes Jahr im Ruhrgebiet unterwegs.

Ist die Musik dabei zu kurz gekommen?
Ja, denn zeitgleich ist nicht alles zu schaffen. Zwar hatte ich die Trompete immer dabei, weil ich auch zwischendurch immer mal wieder ein bisschen üben musste, aber natürlich habe ich – das aber auch mit Freuden – die Zahl meiner Konzerte auf ein Minimum geschrumpft, um dieses Projekt stemmen zu können.

Wie viele Motive sind entstanden und wie sieht die Ausstellung aus?
Es gibt bestimmt über 5000 Bilder. Fotografiert habe ich mit verschiedenen Kameras, vor allem mit einer Leica M (Typ 240) mit Summilux-M 1:1.4/50, außerdem mit einer Leica SL mit Vario-Elmarit-SL 1:2.8–4/24–90 ASPH. und APO-Macro-Elmarit-TL 1:2.8/60 ASPH. In der Ausstellung zeigen wir rund 200 Motive. Es gibt vier verschiedene Formate. Die Porträts werden besonders groß vorgestellt, aber dann gibt es auch noch Industrie- und Landschaftsansichten in ganz großen Formaten. Das Museum Küppersmühle hat ganz unterschiedliche Möglichkeiten der Präsentation erschlossen.

Welche Erfahrungen sind Ihnen bei diesem Projekt am wichtigsten? Gibt es ein Fazit?
Das Schönste ist eigentlich, dass sich mein persönlicher Horizont über diese Region, die Mentalität und auch über die Schönheit dieser Gegend erweitert hat oder tatsächlich erst durch die Menschen, die dort leben, neu erschaffen wurde. Es ist eben ein Melting Pott. Mein Fazit ist, dass das Ruhrgebiet eigentlich das Amerika von Deutschland ist. Es ist beispiellos, eine Region, ein Städteverbund mit über 19 Millionen Menschen. Das Ruhrgebiet ist verbunden durch die Mentalität, durch die Industrie, durch Kriege, durch Migration, durch Fußball … die Liste ist endlos. Aber die Region ist mit keiner anderen vergleichbar. Das hat mich beschäftigt und berührt. Mit der Kamera bin ich in Teile der Gesellschaft vorgedrungen, die ich mit meiner Trompete wahrscheinlich nie erreicht hätte.

Bio
Till Brönner wurde am 6. Mai 1971 in Viersen geboren. Mit neun Jahren erhielt er seine erste Trompete, bereits mit 20 Jahren war er Mitglied der RIAS-Big-Band. Er zählt zu den erfolgreichsten Jazz-Musikern unserer Zeit. Längst ist er auch als Fotograf erfolgreich. Seine Serie Faces of Talent mit Porträts von Musikerkollegen und anderen prominenten Persönlichkeiten brachte ihm 2015 großes mediales Interesse ein und wurde von Leica nicht zuletzt auf der photokina und in Wetzlar präsentiert. Brönner lebt in Berlin und Los Angeles.

TILLBROENNER-PHOTOGRAPHY.COM

Ausstellung: Melting Pott
3. Juli bis 6. Oktober 2019 im MKM Museum Küppersmühle für moderne Kunst, Duisburg
www.museum-kueppersmuehle.de

Ausstellung: Till Brönner – Bilder
14. September bis 26. Oktober in der Galerie Alexander Ochs Private, Berlin
www.alexanderochs-private.com

Ein Portfolio mit einer Auswahl aus der Serie Melting Pott von Till Brönner ist in der LFI 5.2019 erschienen.

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