Fred Baldwin ist nicht nur ein großer Fotojournalist und weitgereister Chronist, sondern vor allem ein eloquenter und unterhaltsamer Geschichtenerzähler. Der US-Fotograf hat kürzlich seine opulent bebilderte Autobiografie Dear Mr. Picasso: An illustrated love affair with freedom veröffentlicht.

Auch heute noch, mit 90 Jahren, ist Fred Baldwin sehr aktiv: Es bleibt noch so viel zu tun lautete die treffende Überschrift zu einem Interview, das die „New York Times“ kürzlich mit dem Fotografen führte. Glücklicherweise fand er auch die Zeit, mit uns zu sprechen.

Wie lange haben Sie für das Zusammenstellen und Schreiben des Bandes gebraucht?
Die Idee, ernsthaft mit dem Schreiben meiner Autobiografie zu beginnen, hatte ich 2006, nachdem ich einen engen Freund, Pedro Meyer, in Mexiko-Stadt besucht hatte. Meine Frau Wendy Watriss und ich wohnten in seinem Haus. Dort saßen Pedro und ich einmal vor meinem Computer und versuchten, irgendeine technische Frage zu lösen. Pedro Gadgets waren immer auf dem aktuellen Stand, ich hinkte eine Generation hinterher und versuchte aufzuholen. Rein zufällig stießen wir auf einige Farbfotos von Pablo Picasso, die ich kurz zuvor wiederentdeckt hatte. Aufgenommen hatte ich sie 1955. 2006 lag das 51 Jahre zurück. Die Farben der Anscochrome-Aufnahmen hatten sich verändert und einigen Bildern verliehen seltsame Streifen eine surreale Qualität. Pedro war fasziniert: Er hatte kürzlich eine der größten Websites der Welt, Zone Zero, gegründet und wollte meine Bilder online stellen. Damals hatte ich auch einen langen Tagebucheintrag dazu wiederentdeckt, wie und warum ich diese Bilder gemacht hatte. Die Aufnahmen und meine Notizen erschienen als illustriertes Online-Buch auf Zone Zero. Das war die Grundlage meiner Autobiografie Dear Mr. Picasso: An illustrated love affair with freedom. Am Ende waren es 700 Seiten, die mich zehn Jahre beschäftigt haben.

Welche Bedeutung hatten dabei Ihre Tagebücher?
Mein „Tagebuch“ ist nicht unbedingt das, was man sonst darunter versteht. Dort finden sich Einträge mit umfangreichen Informationen zu Geschichten, über die ich einen Artikel schreiben oder die ich verkaufen wollte, die Korrespondenz mit meinem Agenten in New York, Briefe an meine Mutter und meinen Bruder, in denen ich bestimmte Seiten von mir offenbarte. Dann verwirrende Ergüsse, die in braune Notizbücher gekritzelt waren, die ich mit niemandem teilen würde, die aber zur Beschreibung der Atmosphäre mancher Passagen beitrugen. Glücklicherweise habe ich die ganzen Papiere aufbewahrt.

Warum ist Ihre Begegnung mit Pablo Picasso im Jahr 1955 so wichtig?
Picasso hat mir ein unglaubliches Geschenk gemacht: Ich durfte von mir selbst lernen. Picasso hat das Picasso-Mantra nicht geschrieben, das war ich:
1. Du musst einen Traum haben.
2. Benutze deine Fantasie!
3. Überwinde deine Angst!
4. Und, am wichtigsten: Handele!
Ich habe mein Leben in drei Tagen verändert. Picasso ließ mich in sein Haus, aber den Schlüssel, der seine Tür öffnete, habe ich gemacht.

Welchen Ratschlag gäben Sie einem jungen Fotografen?
Es ist möglich, zufällig ein gutes Foto zu machen, aber es ist eine ganz andere Sache, ein Werk von gleichbleibender Qualität zu schaffen. Horch in dich hinein, finde heraus, was du sagen willst. Überlege, was du machen könntest, um das zu erreichen – und dann versuche es immer wieder aufs Neue.

Was interessiert Sie an der zeitgenössischen Fotografie?
Es gibt keinen Stil, keine Technik und kein Genre, das ich ablehne. Mir geht es nur darum, dass mich der besondere Aspekt einer Arbeit überrascht, der offenbart, wie dieses Bild einen besonderen Moment schafft – wie auch immer der aussehen mag.

Gemeinsam mit Ihrer Frau und Petra Benteler haben Sie das FotoFest Houston gegründet. Wie sehen Sie die Bedingungen und die Wertschätzung für Fotografie heute?
Es gibt zu viele Festivals, jedenfalls für mich, zu viele Bilder, die die Seiten der Festivalkataloge überfrachten, zu viele Selfies, zu viel, was vor meinen Augen aufleuchtet und wieder verlischt. Wenn ich in ein Museum gehe, um Kunst zu sehen, suche ich mir eine Bank, auf der ich sitzen und ein gutes Kunstwerk betrachten kann. Ich möchte sein Freund werden, damit es mir seine Geheimnisse verrät.

Die Arbeit mit Leica Kameras hatte schon immer eine große Bedeutung für Sie, das wird auch in Ihrer Autobiografie deutlich. Was war Ihnen bei der Arbeit mit Leica Kameras besonders wichtig?
Mein Stil verlangt eine schnelle Kamera, die mich körperlich nicht einschränkt. Also eine technisch effiziente, kleine, leichte und robuste Kamera. Die überlegenen mechanischen Eigenschaften der Leica und die Zusammenarbeit mit meinen Freunden in Wetzlar gaben mir ein Gefühl des Vertrauens – die Leica wurde zu meinem Reisepass in die Welt.

Bei der letzten Leitz Photographica Auction im Juni 2019 wechselte eine Ihrer Kameras den Besitzer. Welchen Rat geben Sie dem neuen Besitzer?
Erzählen Sie der Welt, dass die Leica MP 358 Fred Baldwin gehörte, übertreiben Sie meine Bedeutung als Fotograf deutlich und verkaufen Sie sie dann wieder. Kaufen Sie auch zwei Exemplare von Dear Mr. Picasso: An illustrated love affair with freedom – eines für sich und eines für den nächsten Besitzer!

Fred Baldwin wurde 1929 in Lausanne, Schweiz, geboren, wo sein Vater als US-Diplomat arbeitete, und wuchs in Savannah, Georgia, auf. Nachdem er 1956 seinen B.A. am Columbia College, New York, erworben hatte, begann er eine freiberufliche Karriere als Fotograf, die bis 1987 andauerte. Baldwin arbeitete unter anderem für „Time“, „Life“, „National Geographic“, „Geo“, „Stern“, „Esquire“, „Sports Illustrated“, „Natural History“, „Smithsonian Magazine“, „Newsweek“ und „The New York Times“. Seit 1983 ist Baldwin Vorsitzender eines der größten und wichtigsten Fotofestivals der Welt, FotoFest in Houston, Texas, das er zusammen mit seiner Frau Wendy Watriss und Petra Benteler gegründet hat. Seine Autobiografie Dear Mr. Picasso: An illustrated love affair with freedom erschien 2019.

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