Yan Morvan begann seine Karriere mit Aufnahmen jugendlicher Subkulturen in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre. Bekannt wurde er als Kriegsfotograf, er berichtete über den Krieg zwischen dem Irak und dem Iran, von den Philippinen, aus Nordirland, Uganda, Mosambik, Kurdistan, Afghanistan und aus dem Kosovo, um nur einige Regionen zu nennen. Vor 40 Jahren dokumentierte Morvan mit einer Leica M5 das Leben von weiblichen und männlichen Prostituierten in Bangkok. Schon damals war die thailändische Hauptstadt als Hochburg von billigem, schnellem Sex bekannt, die vor allem Männer aus Europa und den USA anzog. 2019 erscheinen seine Aufnahmen endlich in dem Fotobuch BKK.

Sie scheinen sich am liebsten dort aufzuhalten, wo Gefahr droht. Warum?

Das Leben ist gefährlich. Aber ich liebe es so sehr, dass ich bereit bin, einen hohen Preis zu zahlen, um es ganz auszukosten.

Wer hat die Entwicklung Ihrer ganz eigenen Sichtweise beeinflusst?

1973 sah ich im Magazin „Zoom“ ein Portfolio über den Vietnamkrieg mit Bildern von Larry Burrows, Philip Jones Griffiths und Don McCullin. Daraufhin entschloss ich mich, Kriegsfotograf zu werden. Ich war 20 Jahre alt, als ich meine Karriere begann.

Wie sind Sie auf die Sexarbeiter-Szene in Bangkok gekommen?

Meine Freundin hatte für mich Termine mit einigen Leuten in Bangkok vereinbart. Ich sollte für die Agentur Gamma über die vietnamesische Invasion in Kambodscha berichten. Als ich in Bangkok ankam, neigte sich der Konflikt schon seinem Ende zu; es war die Zeit der Flüchtlinge an der Grenze, kurz: Niemand wollte die Geschichte. Aber ich beschloss, zu bleiben, denn mir wurde klar, dass Männer aus dem Westen nach Bangkok kamen, um zu f… – es war eine Konsumwelt. Ich dachte, das wäre die Geschichte von morgen. Keine schöne Geschichte – Liebe zu machen, ist etwas anderes.

Wie kommt es, dass Ihre Aufnahmen erst jetzt als Buch veröffentlicht werden?

Ende Juni 1980 kehrte ich nach Frankreich zurück. Jean-Jaques Naudet, Chefredakteur des Magazins „Photo“, veröffentlichte im August eine zehnseitige Strecke. Im September wechselte ich zur Agentur Sipa und wurde beauftragt, den Krieg zwischen dem Irak und dem Iran zu dokumentieren. Darüber geriet die Geschichte in Vergessenheit und hat lange geschlummert – bis sich der Artdirector Loïc Vincent an ein Layout machte und ein Redakteur die Texte schrieb.

Wie lange sind Sie in Bangkok geblieben?

Ein halbes Jahr, von Ende Dezember bis Ende Juni.

Wie beschreiben Sie Ihre visuelle Herangehensweise?

Ich versuche, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, komponiere das Bild im Sucher meiner Leica – was einfach ist – und fotografiere, wenn die Action am intensivsten ist. Ich denke, bevor ich fotografiere – ich habe damals nur wenige Aufnahmen gemacht, weil die Kosten zu hoch waren. Ich sage das nicht, weil wir hier ein Interview für den Leica Blog machen, aber Leica Kameras sind großartig, wenn man möchte, dass die Protagonisten vergessen, dass sie fotografiert werden. Ich kann ganz nah herankommen.

Warum haben Sie bei natürlichem Licht fotografiert und keinen Blitz verwendet?

Für diese Geschichte habe ich die Dunkelheit gewählt, weil das Leben dieser jungen Frauen verzweifelt ist. Kein Licht, das den Weg des Todes und der Trauer unterstreicht. Kurz nach diesen Aufnahmen erreichte die Aids-Welle Bangkok und dezimierte die Szene.

Wir sehen Prostituierte nicht nur bei der Arbeit, sondern auch im Alltag und in der Freizeit. Was war die Idee dahinter?

Ja, es ist nicht nur eine Geschichte über Prostitution. Es ist eine Geschichte über moderne Sklaverei und darüber, wie einige Länder zu Bordellen der westlichen Zivilisation und einer Schande für die Weißen geworden sind.

War es schwierig für Sie als Mann, Zugang zu intimen Situationen zu erhalten?

Nicht wirklich. Ich bin nicht aggressiv und ich spreche jeden mit Freundlichkeit und Respekt an – so bin ich nun mal. Ich insistiere nie, wenn jemand sagt „Keine Bilder“. Ich war ein gutaussehender Junge und sie wussten, dass ich keinen Sex wollte. Das hat mich nicht interessiert.

Wie haben Sie eine Beziehung zu Ihren Protagonisten aufgebaut?

Ich verbrachte viel Zeit mit ihnen, ich war Teil ihrer Familie. Ich hatte nicht viel Geld, also lebte ich bei den Leuten. Ich habe nicht versucht, sie zu „benutzen“ wie andere Ausländer. Wir gingen zusammen ins Kino oder ins Restaurant. Nachts gingen sie in die Bar zur Arbeit. Ich erklärte, warum ich eine Geschichte über sie schreiben wollte. Einige von ihnen waren froh, fotografiert zu werden.

Wie hat sich die Prostitutionsszene Ihrer Meinung nach verändert? Was ist es anders als damals?

Keine Ahnung. Ich bin nie nach Bangkok zurückgekehrt und will auch nie wieder zurückkehren. Damals roch es nach Tod. Gestern war ich in einem Gipsy-Camp und dort wurde ein Mädchen niedergeschossen. Es gibt so viele Orte, an die man gehen kann. Ich gehe vorwärts. Das Schlimmste kommt noch.

 

Der französische Fotojournalist Yan Morvan wurde 1954 in Paris geboren. Schon während des Mathematik- und Film-Studiums war er für die Agentur Fotolib, die Agentur Normag (1974/75), die Agentur Sipa und seit Ende der 70er-Jahre für die Agentur Gamma tätig. Er gilt als einer der besten zeitgenössischen Kriegsfotografen. Seine Reportagen aus dem Bürgerkrieg im Libanon brachten ihm 1983 die Robert Capa Gold Medal, im folgenden Jahr zwei Auszeichnungen beim World Press Photo Award und zahlreiche weitere Auszeichnungen ein.

Das Buch BKK erscheint beim Verlag Editions Noeve.  Auf der Paris Photo ist die Serie auf dem Stand der Sit Down Gallery zu sehen.

Ein Portfolio von Yan Morvan über jugendliche Subkulturen im Paris der 1970er finden Sie in der LFI 3/2018.

 

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