Die Bildwelten der Leica Fotografin Franziska Stünkel sind nicht nur vielschichtig und komplex, sondern auch höchst eindrucksvoll und verlangen eine genaue Erkundung der einzigartigen Stimmungen der jeweiligen Orte. Ihre Spiegelungen aus den Metropolen der Welt erzählen in ihrer einzigartigen Verdichtung von der weltumspannenden Koexistenz menschlichen Lebens. Die Serie Coexist liegt nun in einem prächtigen Bildband vor und eine Werkschau in Salzburg zeigt eine Auswahl großformatiger Arbeiten als Diasecs. Wir sprachen mit der Künstlerin über ihre Arbeit.

Ist Ihr Projekt Coexist nun mit der Buchpublikation abgeschlossen?
Nein, ich werde weiter daran arbeiten. Die Faszination ist ungebrochen. Es gibt geografische Bereiche, die ich der Serie gerne noch hinzufügen möchte.

Wie kam es zu dieser Serie? Wann sind Ihnen die Spiegelungen erstmals aufgefallen?
Vor zehn Jahren habe ich in Shanghai meine erste Spiegelung auf dem Fenster eines Restaurants entdeckt und fotografiert. Dass solch abstrakte Bilder in der Realität vorkommen, hat mich sofort fasziniert. Gerade in Photoshop-Ära werden Bilder ständig und oft vorschnell bearbeitet. Die Rücklenkung auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit ist mir bis heute ein Anliegen. Oft können die Betrachter meiner Bilder zunächst gar nicht glauben, dass es sich um völlig unbearbeitete Aufnahmen handelt.

Wie gehen Sie auf Ihren Reisen vor?
Ich fotografiere seit zehn Jahren ausschließlich Spiegelungen. Alle zwei Jahre bereise ich dafür mit meiner Leica einen neuen Kontinent. Ich reise dann punktuell immer wieder dorthin. Bisher habe ich in Asien, Afrika, Europa, dem Mittelmeerraum und Amerika fotografiert. Dabei bin ich mit meiner Kamera immer allein unterwegs. Das ermöglicht ein unmittelbareres Erleben der Orte und Menschen. Ich suche nach dem Unverstellten – dem sich unbeobachtet fühlenden Menschen, der auf der Straße seinen Gedanken nachhängt, den möglichst spezifischen Umgebungen der jeweiligen Region. Es ist nicht immer leicht Glas zu finden. Oft dauert es Tage. Umso näher ich dem Äquator komme oder je mehr es sich um ein Drittwelt-Land handelt, wird Glas oft nur in touristischen Bereichen verbaut. Und touristische Orte sind überall auf der Welt sehr ähnlich – das erzählt nicht von der Vielfalt unseres Lebens.

Fotografieren Sie eher spontan oder wie entsteht eine Aufnahme?
Eine Spiegelung, wie ich sie suche, existiert nur für ein paar Sekunden, dann ist sie wieder verschwunden. Meine Spiegelungen leben von flüchtigen Bewegungen: Menschen, Fahrzeugen, Licht. Das kann man nicht planen und ich möchte es auch nicht planen. Ich beobachte die Realität, auf der Suche nach Spiegelungen streife ich oft zehn bis fünfzehn Kilometer am Tag durch die Straßen, egal ob bei eisiger Kälte oder irrer Hitze. Ich bewege mich als Frau in unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Das hat meinen Blick auf Frauen- und Menschenrechte geschärft und daher finden sich in meinen Spiegelungen auch immer wieder Frauenbildnisse.

Wie schaffen Sie es, selbst nie im Bild zu sein?
Ich fotografiere nie frontal, sondern leicht von der Seite. Außerdem arbeite aus diesem Grund nicht mit Weitwinkelobjektiven.

Was fasziniert Sie an Reflexionen?
Es gibt sehr viele Aspekte. Ein Faszinosum ist die Überlagerung von Ebenen, die in einer Reflexion stattfindet. Dadurch entsteht visuell und sinnbildlich etwas Neues. Eine vielfältige Lesbarkeit. Beim Fotografieren spüre ich das Miteinander der zum Teil antagonistischen Ebenen. Dass dieses Miteinander dann doch funktioniert, macht Mut. Hinzukommt, dass wir als Mensch mit unserem 180-Grad-Gesichtsfeld nur das sehen, was sich vor uns befindet, eine Spiegelung zeigt auch das, was in dem Moment hinter uns passiert. Spiegelungen machen den unsichtbaren Raum sichtbar.

Als Regisseurin und Fotografin sind Sie in zwei Bereichen tätig – wo gibt es die größten Unterschiede oder auch Verbindungen?
Beim Film inszeniere ich die Wirklichkeit. Bei der Fotografie nehme ich die Wirklichkeit auf. In der Fotografie arbeite ich allein, beim Film im großen Team. Das sind andere Dynamiken und andere Wege der Entscheidungsfindung. Film ist ebenso ein hochgradig künstlerischer Prozess, der jedoch in engerer Wechselwirkung mit den zur Verfügung stehenden Mitteln an Zeit und Geld verläuft. Film sind bewegte Bilder, Fotografie ist unbewegtes Bild. Dennoch entsteht manchmal eine Bewegung, ein Rhythmus durch die Anordnung der Bilder an der Wand. Auch durch die Reihenfolge der Bilder im Buch. Das erscheint mir oft wie ein Filmschnitt. Inhaltlich beschäftige ich mich in meinen Filmen mit offenen gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Ich denke manchmal Coexist ist wie die Suche nach einer Antwort darauf. Und egal, ob Film oder Fotografie, das Wesentliche sind die Inhalte. Ein guter Film wirkt wie eine gute Fotografie über das tatsächlich Sichtbare hinaus.

Welche Rolle spielt die Kamera für Ihre Arbeit? Mit welcher Kamera und mit welchen Objektiven sind die Motive von Coexist entstanden?
Spiegelungen sind flüchtig. Ich muss technisch sehr schnell agieren. Dafür schätze ich die Leica SL sehr. Dennoch sind die meisten Bilder mit der Leica M und dem Summilux 1:1.4/35 und 50er-Objektiven entstanden. Die Kompaktheit der M lässt mich als Fotografin oft unbemerkt bleiben. Das ist wesentlich für mich. Ich schätze Leica Kameras auch sehr für ihre brillante Farbwiedergabe, die Authentizität mit Ästhetik vereint.

Was ist das Besondere an der Präsentation Ihrer Motive in einem Galerieraum? Wie wichtig ist das „Erleben“ der Bilder im Großformat?
Sehr wichtig. Das Großformat hinter Glas führt wieder an den Ursprung der Aufnahme zurück. Es ist das Gefühl wieder vor der Glasscheibe zu stehen. Auch der Galerieraum und der Betrachter spiegeln sich als weitere Ebene mit in das Bild und koexistieren als Teil des Ganzen. Wir haben für die Ausstellung in Salzburg 22 Motive aus vier Kontinenten ausgewählt. Das freut mich sehr, da dadurch ein globaler Blick möglich wird.

Die Leica Galerie Salzburg zeigt vom 17.10.2019 bis zum 15.2.2020 eine Werkschau der Serie (weitere Ausstellungen sind in Planung).
Der Bildband Coexist, erschienen im Kehrer Verlag, zeigt 110 Motive, begleitet von Texten verschiedener Autoren und Wissenschaftler, die aus ihrer Sicht den Begriff der Koexistenz beleuchten.

Bio:
Die Fotokünstlerin und Filmregisseurin Franziska Stünkel wurde 1973 in Göttingen geboren. Nachdem sie in der Filmklasse und in der Fotokunstklasse an der Kunsthochschule Kassel sowie an der Hochschule für Bildende Kunst Hannover studierte, wurde sie Meisterschülerin bei Prof. Uwe Schrader. Ihre fotografischen Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet; ihre Filme waren in 19 Ländern und bei mehr als 100 internationalen Filmfestivals zu sehen und wurden ebenfalls vielfach ausgezeichnet. In ihren Kinospielfilmen beschäftigt sich Stünkel mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Die seit zehn Jahren verfolgte fotografische Serie Coexist zeigt ihre weltumspannende Suche nach friedlicher Koexistenz.
www.franziskastuenkel.de