Steve McCurry ist seit über drei Jahrzehnten eine der bekanntesten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Fotografie. Deshalb ehrte ihn Leica 2011 mit dem Leica Hall of Fame Award und bat ihn als einen der ersten Fotografen, die neue Leica SL2 zu testen.

Sie fotografieren seit 40 Jahren – was treibt Sie an, immer wieder ins Flugzeug zu steigen und sich erneut einem bestimmten Thema zu widmen?

Ich war schon immer neugierig auf andere Orte und wollte die Welt mit eigenen Augen sehen. Ich glaube, dass Reisen, um die Welt, in der wir leben, zu sehen und zu erleben, mit zum Wichtigsten gehört, was wir tun können. Ich schätze es, Ort erneut zu besuchen und zu erfahren, wie sie sich seit meinem letzten Besuch entwickelt haben. Wir sind nur so kurze Zeit auf dieser Welt und es scheint, das Interessanteste, was man tun kann, ist, sie tatsächlich selbst zu sehen.

Erinnern Sie sich noch an ihre Anfänge als Fotograf?

Ich habe bei null angefangen, habe versucht, meinen Weg und Ressourcen zu finden. Ich war völlig frei, ich fühlte mich, als hätte ich alle Zeit der Welt. Alles war frisch und neu. Es ist sehr aufregend, etwas zum ersten Mal zu fotografieren. Eine meiner ersten Auslandsreisen führte mich nach Mexiko. Ich genoss es, ohne Termine, Aufgaben oder Druck herumlaufen und fotografieren zu können; die Welt war wie eine leere Leinwand für mich.

Wie oft waren Sie schon in China? Könnte man es als Ihr fotografisches „Wohlfühlland“ beschreiben?

Ich habe die letzten 40 Jahre meines Lebens damit verbracht, durch Asien zu reisen, und ich war für unterschiedliche Fotoprojekte viele Male in China. Ich erinnere mich, dass ich Anfang der 80er-Jahre dort war – hinsichtlich seiner Interaktion mit dem Rest der Welt war das Land damals wirklich vom Netz. 35 Jahre später kann man kaum noch nachvollziehen, wie sehr sich China verwandelt hat, zu einem ökonomischen Kraftpaket geworden ist. Visuell ist China ein reiches Land mit großer Tradition, Kunst und Kultur. Und die Menschen sind offen dafür, fotografiert zu werden.

 

Wie fällt Ihre Entscheidung, etwas aufzunehmen?

Die meisten meiner Bilder drehen sich um Menschen und Geschichten. Ich suche den Moment, in dem ich einen Teil dessen vermitteln kann, was eine Person ausmacht oder, in einem weiteren Sinne, was ihr Leben mit der menschlichen Erfahrung insgesamt verbindet. Die Geschichten, die ich erzählen möchte, sind es, die meine Entscheidungen beeinflussen, was ich fotografiere.

Entstehen ihre Aufnahmen schon im Kopf oder erst vor Ort?

Sowohl als auch – man muss das Bild zuerst mit dem geistigen Auge sehen.

Was macht in Ihren Augen ein starkes Bild aus?

Für mich ist ein starkes Bild eines mit Rhythmus, Harmonie und voller emotionaler Inhalte. In einem starken Bild geht es in der Regel mehr um die Geschichte als um technische Aspekte.

Was ist wichtiger, die Geschichte oder die Komposition?

Ich glaube, die Geschichte. Motiv, Komposition oder Beleuchtung: Alles ist wichtig und hat einen großen Einfluss darauf, wie sehr der Betrachter die erzählte Geschichte schätzt. Ich kann mich jedoch an eine Reihe von Fotos erinnern, deren Komposition nicht die beste war, die aber dennoch eine unglaubliche Geschichte erzählen, was sie zu starken Bildern macht.

 

Ist es schwieriger, ein fremdes Land zu fotografieren als das eigene?

Gelegentlich fällt es mir schwerer, Dinge zu fotografieren, die mir vertraut sind, etwa mein Wohnviertel. Ich finde, dass fremde Länder und neue Orte inspirierender sind; ich möchte immer von einer neuen Umgebung lernen. Es kommt jedoch auf die Geisteshaltung an, man kann auch in seiner unmittelbaren Umgebung Inspiration finden, wenn man sich darauf konzentriert.

Sie haben sich kürzlich als visuellen Geschichtenerzähler bezeichnet: Was ist Ihr Fokus als Fotograf?

In der Fotografie geht es mir im Wortsinn um wandern, beobachten und das Erzählen von Geschichten, handele es sich nun um Porträts, menschliches Verhalten oder wie wir auf diesem Planeten leben. So lange ich fotografiere, spüre ich immer den Einfluss von André Kertész, Walker Evans und Henri Cartier-Bresson, deren Arbeiten zeigen, warum tiefgründiges und universelles Geschichtenerzählen als Kunst gilt. Es geht immer um das Erleben eines Orts und die damit verbundenen Emotionen, um meine persönliche Sichtweise.

 

 

Sie haben in diesem Jahr angefangen, mit der Leica SL zu fotografieren, und waren jetzt einer der Ersten, die die neue Leica SL2 getestet haben. Warum sind Sie von DSLR- zu spiegellosen Systemen gewechselt?

Spiegellos ist die Zukunft. Daran besteht kein Zweifel. Die Möglichkeit, das Bild so zu sehen, wie es aufgenommen wird, macht meine Art und Weise zu fotografieren noch schneller.

Was macht die Leica SL2 so besonders? Warum würden Sie die Kamera empfehlen?

Ich habe viele Kameras ausprobiert und mich aus mehreren Gründen, die auf der Hand lagen, für das SL-System entschieden. An erster Stelle steht die Bildqualität. Sie ist unglaublich, ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Das Display des EVF ist sehr hell, groß und von außergewöhnlicher Qualität. Schon die SL war die einzige spiegellose Kamera, die genau richtig aussah und sich genau richtig anfühlte, als ich mein Auge an den Sucher legte. Und dann die Qualität der Objektive. Ich hatte keine Zweifel daran, aber nachdem ich die Dateien selbst getestet hatte, verstand ich ihr volles Potenzial. Und schließlich die Benutzerfreundlichkeit der Kamera – schon nach ein paar Tagen hatte ich ein sehr gutes Gefühl für die SL2 entwickelt.

Was verstehen Sie unter einem erfolgreichen Tag?

Für mich wäre ein erfolgreicher Tag, Zeit an einem Ort zu verbringen, auf den ich neugierig bin, auch ohne meine Kamera. Ich liebe es, zu wandern und neue Orte zu erkunden, mehr über ihre Geschichte und Kultur zu erfahren und mich inspirieren zu lassen, mit meinen Aufnahmen neue Geschichten zu erzählen.

Steve McCurry. Der 1950 geborene Fotograf ist seit mehr als drei Jahrzehnten eine der bekanntesten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Fotografie. Auf sechs Kontinenten und in vielen Ländern hat er unvergessliche Bilder geschaffen. Sein Werk umfasst gleichermaßen Konfliktsituationen, verschwindende Kulturen, alte Traditionen und zeitgenössische Kultur. McCurry erhielt einige der renommiertesten Auszeichnungen, darunter die Robert Capa Gold Medal, der National Press Photographers Award und vier World Press Photo Awards.

Ein Portfolio mit Steve McCurrys Bildern aus China erscheint in der Ausgabe 1/2020 der LFI.

 

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