Die Erfolgsgeschichte des M-Systems beginnt bei den M-Objektiven. Verantwortlich für ihre einzigartige Qualität ist eine lange Reihe legendärer Ingenieure wie Max Berek und Oskar Barnack. Heute stellt Peter Karbe sicher, dass aus 150 Jahren Wissen und Erfahrung neue, hoch performante M-Objektive entstehen können. In unserem Interview erzählt er von den Anfängen seiner Karriere, wodurch sich M-System und M-Objektive auszeichnen, und dem alles entscheidenden Faktor im Hintergrund – den Menschen bei Leica.

Herr Karbe, Sie sind eine der zentralen Personen in der Entwicklung des M-Systems und der M-Objektive. Woher stammt Ihre Leidenschaft für Optik?

Die Leidenschaft für Optik habe ich in der Zeit meines Studiums entwickelt. Ich hatte immer schon großes Interesse an Mathematik, an Zahlen und an physikalischen Zusammenhängen. Zudem hat mich meine vorherige Ausbildung als Fotograf geprägt.

Sie haben eine Ausbildung als Fotograf gemacht?

Ja genau, das war im Sauerland in einer Kleinstadt namens Sundern. In einem kleinen Fotogeschäft, das auf Porträtfotografie, Laborentwicklung und Sachfotografie spezialisiert war. Da habe ich die ganze Bandbreite der Fotografie, wie sie damals eben war, kennengelernt.

War das Interesse an Fotografie damals vergleichbar zu heute?

Die Fotografie als berufliche Möglichkeit war schon sehr weit verbreitet. Ich hatte ja das Glück, dass meine Ausbildung gleichzeitig mit dem Wechsel zwischen manueller zu automatisierter Fotografie stattfand. Das ganze Thema Autofokus war damals stark im Kommen und die Spiegelreflexfotografie sowieso. Ich persönlich habe auch noch viel mit Fachkameras und mit Mittelformat-Kameras gearbeitet. Von daher durfte ich die Fotografie des analogen Zeitalters und die Langsamkeit, die damit verbunden war, noch aus erster Hand kennenlernen. Man hat erst eine Aufnahme gemacht, dann musste man sie entwickeln – und war überrascht, wenn überhaupt was drauf war. *lacht*

Und wie hat Sie das dann zum Studium gebracht?

Als ich meine Fotografenlehre beendet hatte, erfuhr ich, dass es in Köln einen Studiengang Fotoingenieurwesen gab. Da stand für mich fest, das machst du, da willst du hin. Gerade im Grundstudium konnte ich mich dort voll und ganz meiner Leidenschaft für Physik und Mathematik widmen. Mein damaliger Professor, ein ehemaliger Angestellter der Firma Leitz, hat mich dann zu einer Bewerbung dort motiviert.

Wie war die Arbeit in einer optischen Abteilung damals?

Am Anfang meiner Karriere gab es dort einige Optik Designer gehobenen Alters, die sehr viel Erfahrung mitbrachten. Sie haben mir unschätzbar viel über die theoretischen Grundlagen beigebracht, die schon Max Berek gelegt hat. Wir hatten da zwar im Rechenbüro Computer im Einsatz, ich habe aber anfangs das meiste von Hand gemacht – unter Zuhilfenahme eines Taschenrechners.

Inwiefern sind diese Grundlagen heute noch nützlich, wenn Sie neue M-Objektive errechnen?

Die Grundlagen helfen dabei, den Blick auf das gesamte System zu schärfen. Es gibt ja unendlich viele Parameter, die man gleichzeitig kontrollieren muss. Zugleich ist die Komplexität der Systeme deutlich gestiegen, weil wir ja heute viel mehr Anforderungen an ein Objektiv stellen als früher. Die richtige Software hilft uns dabei, M-Objektive zu optimieren und erlaubt es, eine wesentlich größere Vielfalt darzustellen als damals.

 

Wann hat ihre persönliche Geschichte mit dem M-System angefangen?

Als ich 1992 von Leica Microsystems zu Leica Camera gewechselt bin, war eine meiner ersten Aufgaben einen speziellen Sucher für das M-System zu berechnen. Das war für mich der Startpunkt näher mit dem M-System in Kontakt zu kommen. Vorher war ich eher gewohnt, mit Spiegelreflexkameras zu arbeiten. Durch die Arbeit an diesem Sucher bin ich dann sehr tief in die Materie des M-Systems eingetaucht und konnte lernen, seine Vorteile zu erkennen.

Das klingt jetzt nicht nach Liebe auf den ersten Blick.

*lacht*

Ich denke, die Zuneigung zur M Kamera muss man sich erarbeiten. Das heißt, als Fotograf muss man lernen, ein Motiv anders zu betrachten, weil man ja durch einen Messsucher schaut und nicht direkt durch die Linse. Die Sichtweise des M-Systems muss man sich zwar erst aneignen – aber irgendwann kann man sich Fotografie gar nicht mehr anders vorstellen.

Was macht das M-System so einzigartig?

Das M-System erzieht den Fotografen. Das ist so ähnlich, wie wenn man versucht, mit einem Füller zu schreiben. Den Füller zu benutzen, ist am Anfang nicht einfach. Wenn man dann aber gelernt hat, wie man mit einem Füller umgeht, dann möchte man gar nicht mehr anders. Und genauso ist es mit der M. Das M-System korrigiert die Sehweise, genauso wie der Füller die Schreibweise korrigiert. Und das merkt man dann hinterher an den Bildern.

Glauben Sie, dass das M-System eine bestimmte Art von Fotografen anspricht?

Ich weiß nicht, ob es eine bestimmte Art Fotograf für das M-System braucht. Aber wenn man sich darauf einlässt, ermöglicht es einem eine spezielle, sehr persönliche Art der Fotografie. Und dadurch wird man dann vielleicht zu einer bestimmten Art Fotograf.

Welche Rolle spielen die M-Objektive dabei?

Durch die kurzen Brennweiten der M-Objektive und die Kompaktheit des M-Systems fällt man als Fotograf in einer Szenerie weniger auf und kann näher rangehen, ohne die Diskretion zu stören. So ändert sich ganz automatisch die fotografische Perspektive. Gut sehen kann man das an Robert Lebecks „König Baudouin von Belgien wird in Leopoldville der Säbel gestohlen“. In seiner Biografie erwähnt Lebeck, dass er aufgrund der Brennweite seines M-Objektivs gezwungen war, einen anderen Standpunkt einzunehmen als die anderen Fotografen. Und nur deshalb hat man heute als Betrachter den Eindruck, man wäre mitten im Geschehen.

Was ist Ihre größte Herausforderung bei der Konstruktion neuer M-Objektive?

Nun, wir haben vier verschiedene Anforderungen an ein M-Objektiv: Kompaktheit, Lichtstärke, Abbildungsleistung und Robustheit. Diese vier Merkmale werden in jedem M-Objektiv vereint, bringen aber teilweise widersprüchliche Konstruktionsanforderungen mit sich. Lichtstärke und Kompaktheit zum Beispiel, das geht schon mal auseinander. Denn für lichtstarke Objektive braucht man mehr Linsen, mehr Linsen heißt aber größere Systeme. Solche Herausforderungen bringen uns immer wieder dazu nach Lösungen zu suchen, die es vorher nicht gegeben hat.

Das klingt nach einem komplizierten Job, gerade auch für die Fertigung.

Absolut. Die Performance darf ja nicht nur theoretisch da sein, sondern muss auch in der Praxis umgesetzt werden. Da ist viel Handarbeit notwendig, viel Knowhow in der Objektiv- und der Linsenfertigung. So stellen wir den hohen Leistungsstand, die geringen Toleranzen und vor allem auch die Langlebigkeit der M-Objektive sicher. Man kann das gut daran sehen, dass man heute noch problemlos Objektive verwenden kann, die schon vor 65 Jahren am Markt waren. Wenn das nicht ein Beweis für Langlebigkeit ist, dann weiß ich nicht was sonst. Wir haben auch keine Akkordfertigung in der Optik, weil es besondere Sorgfalt erfordert, um unsere Linsen darzustellen. Die Gläser, die da verarbeitet werden, sind sehr empfindlich und müssen besonders sorgfältig behandelt werden. Und Sorgfalt ist eben nicht unter Zeitdruck möglich.

Was zeichnet die Produktion von M-Objektiven noch aus?

Wir schöpfen aus einem enormen Schatz an Knowhow, der sich in einer langen Historie von über 150 Jahren Optikentwicklung angesammelt hat. Man kennt noch die Geschichten aus der Vergangenheit – früher wurden die Optiker hier als Stehkragenoptiker bezeichnet, weil sie einen besonderen Anspruch an sich selber gestellt haben. Und ich glaube, dass unsere Kollegen und Kolleginnen auch heute noch einen besonderen Anspruch an sich haben. Ihre Kenntnisse haben eine besondere Tiefe und jeder Einzelne fühlt sich dem bestmöglichen Ergebnis verpflichtet. Und das macht es aus. Erst die Gesamtheit aller, die hier arbeiten, ergibt die Möglichkeit, überhaupt solche Systeme darzustellen.

Wie trägt Handarbeit zur Qualität der M-Objektive bei?

Perfektion bei Objektiven heißt ja nicht nur, dass man im Design schöne MTF-Kurven hat oder hervorragende Aberrations-Korrekturen. Es heißt eben auch immer, dass in der Fertigung viel Aufwand betrieben werden muss, damit diese Perfektion dann auch zum Kunden gelangt. Objektivbau ist an und für sich eine Handwerkskunst. Und es gehört viel Geschick und Talent dazu, und Verständnis für das Material, das man einsetzt. Deshalb sind wir sehr stolz darauf, was unsere Kolleginnen und Kollegen hier alles umsetzen.

Ein besonderes Meisterstück ist das Noctilux. Was macht es so besonders?

Lichtstärke war immer eine Passion von Leica. Mit dem neuesten Noctilux-M 1:1,25/75mm ASPH haben wir alle technologischen Möglichkeiten ausgeschöpft, die wir uns bis heute erarbeitet haben. Abgesehen von der neuesten Asphären- und Glastechnologie haben wir auch die mechanische Präzision auf die Spitze getrieben. Es ist ein System mit Floating Element, das heißt, wir müssen da zwei Gruppen unabhängig voneinander bewegen, um im Nahbereich eine gute Leistung zu erhalten. Das Wichtigste ist aber, dass man mit dem Noctilux-M 1:1,25/75mm ASPH nicht mehr abblenden muss, um die „Best Performance“ zu erhalten. Offenblende ist gleich Arbeitsblende. Es ist Teil unseres Werteversprechens, dass die Objektive, die wir heute liefern, bei offener Blende voll funktionsfähig sind. Damit bieten wir dem Fotografen alle Möglichkeiten, die Schärfentiefe in seiner Bildsprache voll auszunutzen – ohne Kompromisse.

Woher bekommen Sie Ihre Inspiration, Herr Karbe?

Die Inspiration kommt sicher auch daher, dass ich selber viel fotografiere. Nicht um meine Bilder auszustellen – sondern um auszuprobieren, wo die Stärken und Schwächen eines Systems sind. Viel Inspiration speist sich auch aus den Reaktionen unserer Kunden. Wir suchen immer nach Lösungen, die uns ermöglichen, Wünschen gerecht zu werden und zugleich unseren Werten entsprechen.

Das heißt Leica hat einen direkten Draht zu den Kunden?

Ja, Gott sei Dank haben wir diesen Kontakt mit unseren Kunden und bekommen direktes, ehrliches Feedback von ihnen. Dabei ist es erst mal nicht entscheidend, ob das positiv oder negativ ausfällt. Die positiven Berichte motivieren einen natürlich, das ist schön. Aber gerade kritische Anmerkungen helfen uns dabei, neue Potenziale zu entdecken.

Die Leica. Gestern. Heute. Morgen.

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