Eher zufällig fand der österreichische Fotograf Julius Hirtzberger, der zwischen Wien und Los Angeles pendelt, heraus, dass ein Freund seiner Eltern ein ehemaliger Rallye-Fahrer und zudem ein begnadeter Restaurator alter Autos ist. Daraus entstand eine sehenswerte Foto-Story, die nach Benzin riecht und sich nach Freiheit anfühlt.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Herbert Grünsteidl mit seinem Auto zu porträtieren?

Herbert Grünsteidl ist ein vielseitig interessierter, belesener, weit gereister Mann, mit nahezu jugendlichem Esprit und Elan der bei BMW im internationalen Training tätig war. Eines Tages habe ich nebenbei erfahren, daß er auf eine sehr erfolgreiche internationale Karriere als Rallyefahrer zurückblicken kann, die ihn bis zum Europameistertitel im Rallyecross 1977 geführt hat, und dass er nicht zuletzt deswegen bis heute Legendenstatus im österreichischen Motorsport hat. Herbert geht es weniger um Banalitäten wie Auspuff-Sound, quietschende Reifen und dergleichen, sondern um das Fahrerlebnis, das ihm ein Auto geben kann. Das Wechseln der Umgebung, der Fahrtwind, das Spiel mit den Kräften bis zur Grenze und darüber hinaus ist das, was ihn reizt. Außerdem ist er ein Purist mit einem unbändigen Zug zum rein Mechanischen, was die Liebe zu seinen Oldtimern begründet. Und dann erzählte er mir von seinem perfekt restaurierten BMW 2002 ti des Jahrgangs 1970. Mir schwebte vor, sein Verständnis des automobilen Seins festzuhalten. Beabsichtigt hatte ich eine Symbiose aus Herbert, dem ehrwürdigen Auto und einer tollen Umgebung – ich wollte, wenn man so will, ein Gefühl, eine Ästhetik fotografieren und keine Auto-, Porträt- oder Landschafts-Strecke.

Wie viel Arbeit hat er in die Restaurierung gesteckt?

Der Wagen wurde ihm von einem alten Freund vor dessen zu frühem Ableben überlassen. Das Auto wurde in liebevoller Kleinarbeit bis auf die letzte Schraube zerlegt, und mit vielen Neuteilen wieder aufgebaut. Herbert führt kein Buch über seine Arbeitszeit, da sie für ihn ohnehin Vergnügen pur ist, aber die Zahl der Arbeitsstunden bewegt sich in den Hunderten.

Wenn darin so viel Arbeit steckt, schont er das Auto ja sicher entsprechend.

Das sollte man meinen. Aber es wird in diesem Leben nicht mehr gelingen, den Rallyefahrer aus Herbert heraus zu bekommen. Insofern kann man bei einer Fahrt auf dem Beifahrersitz froh sein, dass BMW schon in den 1960ern an ausreichend Haltemöglichkeiten gedacht hat. Sein Kommentar dazu lautete: „Das ist und bleibt ein Sportwagen. Das geht gar nicht anders.”

Die Fotos wirken ja eher ruhig und gefühlvoll und sehen nicht nach Autorennen aus, war das von vornherein die Absicht?

Sicher. Meine Intention war ja Herberts automobiles Lebensgefühl festzuhalten. Geschwindigkeit gehört zwar auch dazu und ist in die Strecke durchaus eingearbeitet, ist aber nicht zwangsweise ein tragendes Element. Viel spielt sich in den „langsamen“ Details ab: die Faszination für die Linienführung und Materialwahl im klassischem Automobildesign, der Purismus der Technik, das Licht und die Landschaft, die sich durch das Befahren einer Ort wie der Looser Höhenstraße erleben lassen. Generell habe ich meine Bilder gerne „dry“, wenn nicht sogar „extra dry”, weil ich der Meinung bin, dass der Inhalt stark sein muss, nicht die Machart. Dieses Projekt ist keine Ausnahme von diesem Ideal.

Verlief das Shooting denn eher spontan oder hatten Sie eine klare Vorstellung von den späteren Bildern?

Die Planung dieses Projekts dauerte mehrere Monate und wurde insgesamt äußerst detailliert ausgeführt. Gemeinsam mit Jenny Cremer, einer Weltklasse-Retuscheurin aus Deutschland, die bei diesem Projekt Teil des Teams war, habe ich Farbkonzepte entwickelt, Moodboards erstellt, Storyboards gemalt und vieles mehr. Auf der Suche nach der perfekten Location bin ich einige Bergstraßen in Österreich und Italien, zum Teil mehrmals zu unterschiedlichen Uhrzeiten, mit dem Rennrad abgefahren. Als alles fertig geplant war, gab es auch ein Probe-Shooting um wirklich sicher zu gehen. Als wir dann um 4.30 Uhr an einem Sommermorgen auf der Looser Höhenstraße im österreichischen Salzkammergut zu fotografieren begonnen haben, mussten mein Team und ich im Prinzip nur noch die Planung ausführen, weil wir genau wussten, was wir wollten.

Wie hat sich denn die Leica SL bewährt?

Die Leica SL war genau das richtige Werkzeug für dieses Projekt. Die Schnelligkeit und Zuverlässigkeit des Autofokus, die die zum Teil sehr dynamischen Szenen erfordert haben, gepaart mit der Bildqualität, die beinahe an das Mittelformat heranreicht, macht die SL zum Nonplusultra für derartige Projekte. Sowohl die Kamera selbst als auch die Benutzerführung sind so entworfen, dass möglichst „wenig Kamera” zwischen mir und meinem Bild steht – ein Vergnügen! Was ich generell am Fotografieren mit Leica schätze, ist die Sicherheit, dass ich absolutes Top-Material verwende und ich mich somit zu 100 Prozent all den anderen Herausforderungen widmen kann, die so ein Projekt aufwirft.

Die Fotos wurden ja von Jenny Cremer retuschiert, die oft auch für die Autoindustrie arbeitet, wo ja meist heftig getrickst wird. War das hier auch der Fall?

Sowohl Jenny als auch ich beobachten, dass sich Autofotografie wieder in eine natürlichere Richtung bewegt und dieses Projekt ist definitiv ein Statement für diese Entwicklung. Bei diesen Bildern ging es nicht darum, etwas künstlich zu erschaffen, da für unser Ziel, Herberts automobiles Lebensgefühl im Bild festzuhalten, ohnehin schon alles Notwendige vor der Kamera war. Daher waren CGI oder wildes Compositing nicht notwendig. Viel mehr war eine sehr feinfühlige Look-Entwicklung gefordert, um diese ruhige, natürliche, aber kraftvolle Stimmung des Projekts richtig zu interpretieren und nach außen zu transportieren. Dies erreicht man durch das Drehen vieler kleiner Stellschrauben nicht nur bei Farben und Tonwerten. Die Kunst ist es darüber hinaus, alle Bilder einer Serie konsistent zu machen, so dass sie eine klare Geschichte erzählen. Jenny ist eine Top-Retuscheurin und entsprechend gut gebucht. Glücklicherweise hat sie ein Faible für alte BMWs, deswegen waren für dieses Projekt noch Kapazitäten frei.

Julius Hirtzberger lebt in Wien und Los Angeles. Als Fotograf konzentriert er sich auf Reportagen, Porträts und Landschaften. Im Januar 2020 hatte er in Wien seine erste Einzelausstellung „Through my Eyes №1“. Weitere Arbeiten von Hirtzberger finden Sie auf seiner Website  und bei Instagram