Die Stadt der Engel tief in der Nacht: Flackernde Neonlichter stehen im Zentrum der „images noires“ des französischen Fotografen. Bei seinen nächtlichen Ausflügen orientiert er sich an diesen Leuchtfeuern, um traumhafte Visionen zur Zukunft der Stadt aufzunehmen – und ihrer Vergangenheit. Von Autowaschanlagen und Kinos über Hot-Dog-Stände bis hin zu Bars und Schnapsläden: Der Charme der Neonreklamen ist ebenso zeitlos wie suggestiv.

Betrachtet man Ihre Bilder, hat man tatsächlich das Gefühl, in einem amerikanischen Film zu sitzen, bei dem David Lynch oder Quentin Tarantino Regie geführt haben …
Oh, danke, das ist ein großes Kompliment für mich, denn Los Angeles ist die Stadt dieser beiden Regisseure, deren Arbeit ich liebe. Ganz unterschiedlich, aber wirklich genial. Ja, ich wollte tatsächlich etwas Cineastisches schaffen, aber ohne zu übertreiben.

Ihre Serie, L.A. Confidential, heißt wie ein Film. Ist sie ein Ausdruck Ihrer Liebe zum Kino?
Meine Fotografie hat immer sehr viel mit Filmen zu tun. Selbst wenn ich Architektur fotografiere, versuche ich sie als Teil meiner Inspiration einzubeziehen. L.A. Confidential ist eine Hommage an den Film, aber nicht nur. Sie ist auch ein geheimnisvoller Brief an Los Angeles, an dem ich immer noch schreibe. In jeder Stadt, die ich besucht habe oder in der ich gelebt habe, fand ich es interessant, bei Nacht zu fotografieren. Nachts sehe ich eine andere Stadt, es herrscht eine andere Atmosphäre, vor allem bei Available-Light-Fotografie. Für meine Serie Angels habe ich L.A. am Tag aufgenommen, aber hier wollte ich etwas Dunkleres, spielte mit dem Licht, den Neonröhren, den Farben, um zu sehen, was herauskommt, wenn ich die Stadt bei Nacht fotografiere. Da ich oft im Auto unterwegs war, fühlte ich mich wie ein Detektiv auf der Jagd nach einem guten Schuss. Das ist auch der Grund, warum die Serie so heißt; es ist tatsächlich eine Anspielung auf den Film.

Aus welchem Grund ist das Projekt entstanden?
Nachdem ich mir die Aufnahmen angesehen hatte, fragte ich mich: Ist es Traum oder Realität? L.A. ist eine einzigartige Stadt, eine Stadt der Träume, die aber auch eine dunkle Seite hat. Ich möchte, dass sich die Betrachter der Bilder von L.A. bei Nacht eine Geschichte vorstellen können. Fotografen sind Beobachter, aber sie erschaffen auch etwas. In einigen Ecken war es wirklich richtig dunkel, ein paar wollte ich ins Licht rücken und mit meiner Kamera verschiedene Szenerien erschaffen. Ziemlich viel Freestyle in dieser Serie, aber immer im Einklang mit der Ästhetik. Dank gebührt den Architekten und Ladenbesitzern der Stadt, die L.A. sehr interessant gemacht haben. Die Mischung aus Vororten, dem Stadtzentrum, der Stadtteil am Strand, dem Tal und den Hügeln macht L.A. zu einem sehr vielfältigen Ort zum Leben und Arbeiten.

Den Bildern sieht man Ihre Faszination für Schrift und Licht an.
Ich bin definitiv besessen von Design, Typografie und Zeichen. All das ermöglicht es mir mithilfe der Lichter, Geschichten zu schaffen. Ich bin nicht fasziniert von der Werbung auf der Straße; aber es ist interessant, die Neonlichter in den dunklen Straßen dieser Stadt der Träume, aber auch der Verzweiflung zu zeigen. Ich wollte auch eine dunkle Atmosphäre, einen Kontrast erkennen lassen.

Confidential bedeutet auch geheim – bestand die Idee darin, eine geheimnisvolle Stimmung zu erzeugen?
Ja, absolut. Ich wollte, dass diese Bilder sehr mysteriös wirken und dem Betrachter die Möglichkeit geben, die Geschichte dahinter zu entwickeln. L.A. ist nachts sehr, sehr dunkel, auch der Stadtteil am Strand. Offen gestanden fühlt man sich nicht sicher, selbst wenn keine Gefahr in der Nähe ist, aber um ein oder zwei Uhr morgens sitzen alle in ihrem Auto. Wenn ich mir die Zeit nehme, an einem Ort zu fotografieren, bin ich der Einzige, der das macht. Es ist seltsam und hinter jedem Bild steht eine Geschichte.

Obwohl es sich meist um statische Motive handelt, tauchen in Ihren Bildern manchmal Menschen auf. Zufall oder Inszenierung?
Ich komponiere, ich warte und drücke im richtigen Moment auf den Auslöser. Ich schaffe das in fünf Sekunden – dafür habe ich manchmal ein oder zwei Stunden gewartet. Mit dem nächtlichen Fotografieren verbindet mich eine Liebe-Hass-Beziehung: Es hängt wirklich von der Stadt und meiner Stimmung ab. Wenn in einer Aufnahme Menschen zu sehen sind, ist das das Ergebnis von Geduld, aber manchmal fange ich auch einfach den Moment ein, weil ich zur richtigen Zeit dort war.

Nachts zu fotografieren ist eine besondere Herausforderung.
Ich fotografiere gern nachts, ich bin ein Nachtmensch. Zu bestimmten Zeiten fotografiere ich auch tagsüber gern, das macht mich glücklich. Nachts ist es eine andere Geschichte: Ich habe wirklich das Gefühl, mit meiner Kamera auf einer Mission zu sein, um mithilfe all der Personen in meinen Aufnahmen neue Kunstwerke zu schaffen.

Was haben Sie bei der Auswahl der Motive berücksichtigt?
Es waren alles Zufälle. Ich habe diese Serie nicht wirklich geplant. Ich fuhr, sah, lief und fotografierte. Man muss schon motiviert sein, ins Auto zu steigen, die richtige Stelle zu suchen, um Gebäude oder Straßenblöcke herumzulaufen und dann die Aufnahme zu komponieren.

Sie haben für diese Serie die Leica M10 und die Leica SL verwendet. Waren sie gut geeignet für Nachtaufnahmen?
In dieser Serie wollte ich alles ohne Stativ aufnehmen, zu 20 Prozent mit der M10 und zu 80 Prozent mit der SL. Ich schätze den Look und die Schärfe beider Kameras. Die SL mit ihrem Zoom und der Bildstabilisierung war einfach perfekt, vor allem bei etwa 70 mm. Ich verwende die M10, wenn ich eine möglichst offene Blende und mehr Diskretion brauche.

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Hält Ihre Serie einer bestimmte Zeit fest?
Das weiß ich nicht, aber ich stelle mir gern vor, dass ich mir in zehn Jahren diese Fotos noch einmal anschaue, um zu sehen, wie sich die Orte verändert haben. Was ich zu erreichen versuche, ist auch sehr historisch und ich bin nicht der Einzige, der das tut. Ich kenne die Arbeiten vieler Künstler und Fotografen, die Städte perfekt und mit einem originellen Blick fotografieren. Ich schätze es, sie zu betrachten und zu sammeln. Und, wie gesagt, ich liebe das Design und die Schrift, und zu beobachten, wie sich beides entwickelt. Dieses Projekt ist auch eine Möglichkeit, die Kraft von Schrift bei Nacht zu zeigen. Eine Botschaft.

Geboren 1980 in Longjumeau, Südfrankreich, zog Franck Bohbot 2013 nach New York. Seit 2008 hat er zahlreiche Fotoserien geschaffen, die sich mit urbaner Architektur befassen. Theater, Bibliotheken, Schwimmbäder sind Teil seiner Welt. Bohbots visueller Stil ist von filmischen Einflüssen und einem scharfen Blick für das Theatralische geprägt. Viele seiner Serien und Projekte bewegen sich im Raum zwischen Realität und Fantasie. Erfahren Sie mehr über die Fotografie von Franck Bohbot auf seiner Website und in seinem Instagram-Kanal.

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