Für seine Leidenschaft, die Fotografie, gab George Tatakis sogar seinen Beruf auf, um jederzeit fotografieren zu können. Er sprach mit uns über sein aktuelles Projekt, seinen Weg vom Ingenieur zum Fotografen und die Einschränkungen, denen er seine Arbeit unterwirft.

Herr Tatakis, an welchem Punkt in Ihrem Leben haben Sie angefangen zu fotografieren?
Mein Interesse an der Fotografie entwickelte sich während meiner frühen Teenagerjahre. Als ich etwa 14 war, erwarb ich von meinem Taschengeld meine erste Kamera. Das Instrument selbst war für mich ein faszinierendes Objekt und von da an war ich sehr an Kameramodellen und -ausrüstung interessiert. Als ich meine ersten Bilder aus dem Geschäft abholte, sagte mir der Fotograf, der meinen Film entwickelt hatte, dass ich ein Auge für Fotografie besitze. Ich verstand damals noch nicht wirklich, was er meinte, aber das brachte mich dazu, immer mehr Bilder zu machen. Ich studierte Elektrotechnik in Edinburgh und ergriff einen entsprechenden Beruf. Von meinem ersten Gehalt habe ich mir dann eine semiprofessionelle Kamera gekauft. Während meiner letzten Jahre als Ingenieur reiste ich ständig in der Welt umher. Das entfachte mein Interesse an der Fotografie noch mehr und ich kaufte mir eine DSLR-Kamera. Ich war auch von der Geschichte der Fotografie fasziniert und studierte die Meisterfotografen der Vergangenheit. Das war meine Einführung in die eigentliche Welt der Fotografie. Ich hörte mir sogar auf dem Weg zur Arbeit Podcasts über Fotografie an und hatte mein Schlafzimmer zur Dunkelkammer umfunktioniert. Ich glaube, das war der Wendepunkt, der eines Morgens dazu führte, dass ich zur Arbeit ging und dort verkündete, ich hätte beschlossen, Fotograf zu werden, und würde meinen Job aufgeben. Natürlich hatte ich absolut keine Ahnung, was ich machen müsste, um meinen Lebensunterhalt mit Fotografie zu verdienen.

Bitte erzählen Sie uns etwas über Ihr Projekt. Worum geht es dabei?
Caryatis ist eine Studie über die traditionellen Trachten griechischer Frauen. Griechenland ist reich an traditionellen Trachten aus verschiedenen Epochen, inspiriert von der eigenen und vielen fremden Kulturen. Ich habe damit vor ein paar Jahren im Anschluss an mein Projekt über griechische Traditionen, Ethos, begonnen. Seit Kurzem erhalte Hilfe von einem privaten Mäzen und kann nun jede Ecke Griechenlands nach den jeweiligen Trachten durchforsten. Ich arbeite auch mit akademischen Beratern der Kapodistrias-Universität in Athen zusammen, die mir helfen, die Authentizität oder die unverfälschte Nachahmung der Trachten zu beurteilen. Die Idee ist, ein Werk zu schaffen, das in Form eines Buchs und/oder einer Ausstellung präsentiert wird.

Was war die ursprüngliche Idee hinter diesem Projekt? Was hoffen Sie beim Betrachter hervorzurufen?
Die Idee hat sich aus der Arbeit an Ethosentwickelt. Die Aufnahmen dafür entstanden hauptsächlich beim Besuch lokaler Traditionsveranstaltungen, ich fotografierte spontan die Szenen, die sich vor mir entfalteten. Einige Jahre später hatte ich im Athener Benaki-Museum für griechische Kultur, dem größten privaten Museum in Griechenland, eine Ausstellung zu diesem Projekt. Auf die wurde das Fragonard-Museum im südfranzösischen Grasse aufmerksam und bat mich, eine verwandte Ausstellung zu konzipieren. Fragonard ist einer der berühmtesten Parfümhersteller Frankreichs und ich sollte mich eher auf Frauengewänder konzentrieren. Bei der Eröffnung der Präsentation der EU-Kommission Ein anderes Europa in London stellte eine meiner Aufnahmen Griechenland dar. Bei dieser Gelegenheit besuchte ich eine Ausstellung des Fotografen Alex Prager. Als ich seine inszenierten Bilder sah, änderte sich meine Haltung zur Spontaneität in der Fotografie. Mir wurde klar, dass Fotografien immer auf die eine oder andere Weise inszeniert sind, da sie die subjektive Sicht des Fotografen widerspiegeln. Was wäre also, wenn ich aufhörte, nach „spontanen“ Szenen zu suchen, und stattdessen in der Lage wäre, jeden Aspekt des Bildes zu kontrollieren? Ich inszeniere nun jede Szene so, wie es mir meine Vorstellungskraft vorgibt. Das führt zu einer Kommunikation zwischen mir und dem Betrachter. Die Absicht hinter meiner Arbeit liegt nicht darin, ethnografisch zu sein oder eine bloße Bestandsaufnahme traditioneller griechischer Trachten zu schaffen – obwohl sie auch diesem Zweck dienen könnte –, sondern ich will mein inneres Selbst und meine Besessenheit ausdrücken, die durch griechische Traditionen hervorgerufen werden. Was den technischen Aspekt betrifft, so achte ich auf die Umgebung ebenso wie auf das Motiv selbst. Ich glaube, dass sie gleichermaßen bedeutsam sind und sich das Motiv ohne seine Umgebung nicht definieren lässt. Es versteht sich von selbst, dass ich dem Licht die größte Aufmerksamkeit schenke, denn Licht ist das einzige Element, das eine Fotografie ausmacht.

Wie haben Sie Ihre Protagonisten gefunden?
Hauptsächlich durch Mundpropaganda. Während meiner Arbeit an Ethos knüpfte ich viele Kontakte zu Gemeinden und lokalen Kulturvereinen in ganz Griechenland. Auf den Veranstaltungen, die ich besuchte, habe ich viele Leute getroffen, die mich anderen vorstellten, die Zugang zu solchen Gewändern hatten und den Models, die sie tragen können. Es ist wichtig für mich, lokale Models einzusetzen, die Erfahrung mit diesen Trachten haben. Traditionelle Kleidung erfordert eine traditionelle Haltung, die von Ort zu Ort verschieden sein kann – die Haltung des Körpers, der Hand und sogar der Art zu sitzen. Auf einigen Bildern sehen Sie vielleicht ein Model, das sich in einer bestimmten Weise bewegt hat, bevor es posierte. Die örtliche Tradition bestimmt auch diese Bewegungen.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Locations ausgewählt?
Die Locations sind sehr wichtig für mich und ich übernehme die Auswahl in der Regel selbst. Es ist schwierig, den Einheimischen, die mir bei meiner Arbeit helfen, meine Vorstellung von einem idealen Ort zu vermitteln, deshalb muss ich sie selbst finden. Ich interessiere mich für Orte, die die lokale traditionelle Architektur widerspiegeln, ohne Dinge, die die Gegenwart offenbaren würden. Ich ziehe es vor, meine Bilder zeitlos aussehen zu lassen. Ich schätze auch eine Stimmung von Verlassenheit und Melancholie, meistens lebt an diesen Orten niemand. Oft mussten wir einbrechen, uns den Weg durch hohes Gras bahnen, Dornen zerkratzten uns, wir durchtrennten Ketten und stiegen durch ausgehängte Fenster oder Türen ein.

Die Menschen auf Ihren Bildern passen perfekt in die schönen Szenerien. Hatten Sie für dieses Projekt einen besonderen fotografischen Ansatz?
Ein gutes Foto braucht, von Rand zu Rand, von oben nach unten, zwei Elemente: ein starkes Motiv und eine starke Komposition. Was das Motiv betrifft, so habe ich normalerweise ein lokales, traditionelles architektonisches Element als Hintergrund und ein oder mehrere Models, die die Tracht tragen. Das nächste zu lösende Problem ist die Komposition. Ich erkunde, welche Requisiten vor Ort vorhanden sind, bewege die Dinge und entwerfe ein Konzept für das Licht, damit es schön auf das Motiv fällt. Meistens entscheide ich mich für eine seitliche Lichtquelle, die einen dramatischeren Effekt bietet. Ich muss das Licht so steuern, dass es den Punkt erreicht, den ich im Kopf habe. Da ich immer mit einer Brennweite fotografiere, bin ich an einen exakten Bildausschnitt gewöhnt, sodass ich viel schneller arbeiten kann, ohne durch den Sucher schauen zu müssen, um den Bildausschnitt zu sehen. Ich sehe ihn, indem ich einfach meine Augen benutze.

Wie beschreiben Sie Ihre Fotografie?
Meine Fotos sind nur ich selbst, meine Gedanken, Träume, Meinungen und Obsessionen. Jedes Foto ist ein Porträt des Fotografen. Alle meine Erfahrungen haben Anteil am Entstehen eines Bildes. Der Fotograf muss ehrlich sein und sich selbst durch seine Bilder kommunizieren. Die Kunst der Fotografie hat, wie jede andere Kunstform auch, schon alles gesehen. Es gibt kein Thema, das als Durchbruch angesehen werden kann. Alles wurde schon in der Vergangenheit getan und, falls nicht, wird es in der Zukunft getan werden. Das Einzige, was jeder von uns in der Kunst bieten kann, ist seine einzigartige Stellung als Betrachter seiner Welt. Der einzige einzigartige Aspekt, den jeder von uns besitzt, ist er selbst.

Wie sind Sie in die Welt der Leica-Kameras gekommen?
Wie bereits erwähnt, habe ich meine Laufbahn als Fotograf mit einer DSLR-Kamera begonnen. Ich ging davon aus, einen kommerziellen Ansatz verfolgen zu müssen, um ein gewisses Einkommen zu erzielen. Für den Fall, dass bei einem Auftrag mit meiner Hauptkamera etwas schief gehen sollte, wollte ich mir ein zweites System als Backup zuzulegen. Ich hatte mich bereits von der Welt der Leica inspirieren lassen, nachdem ich die Geschichte der Fotografie und der Meister studiert hatte, aber die Preisschilder waren zu hoch für mich. Daher wollte ich ein zweite DSLR mit einem Weitwinkelobjektiv kaufen. Mir schwebte ein 24er vor. Ich ziehe Objektive mit Festbrennweite vor, denn wenn ich mir selbst Einschränkungen auferlege, hilft mir das, mich auf meine Arbeit und nicht auf die Ausrüstung zu konzentrieren. In der Zeit kam die Leica Q auf den Markt – eine Vollformatkamera mit 28-mm-Objektiv, also ziemlich genau das, was ich mir vorgestellt hatte. Zu einem ähnlichen Preis wie das andere System konnte ich mir eine Leica kaufen. Gleichzeitig hätte ich damit eine kompaktere und leichtere Ausrüstung, wenn ich beide Kameras mitnahm. Der Punkt ist jedoch der, dass ich meine andere Kamera nie wieder angefasst habe, nachdem ich die Leica Q erworben und ausprobiert hatte. Ich bin allerdings nicht von meiner Ausrüstung besessen, da ich glaube, dass der Fotograf das Bild macht, nicht die Kamera. Die Leica Q ist aufgrund ihres ergonomischen Designs perfekt für mich. Die Ergebnisse sind natürlich großartig, aber das Wichtigste für mich ist, dass sie ein Werkzeug ist, das sich wirklich angenehm bedienen lässt. Das hat mich dazu gebracht, öfter zu fotografieren, und das hat meine Arbeit wirklich auf die nächste Stufe gehoben.

Welche Ausrüstung benutzen Sie und auf welche Weise hilft sie Ihnen, Ihre Ziele zu erreichen?
Ich verwende nur die Leica Q, also ein 28-mm-Objektiv, und ich beschneide nie. Ich fotografiere immer in Schwarzweiß und im Querformat. Meine Ausrüstung besteht also aus der Q und meinen selbst gewählten Einschränkungen. Diese Barriere kann ich durchbrechen, anstatt mich in einem Meer von Möglichkeiten zu verlieren. Ich verwende fast immer natürliches Licht, nur in ein, zwei Prozent der Fälle erlaube ich mir, einen kleinen, direkten Blitz einzusetzen. Ich habe Erfahrung mit Studiobeleuchtung, aber das ist eine bewusste Entscheidung, denn es lässt sich nicht vermeiden, dass Studiobeleuchtung künstlich wirkt, zumindest für das geschulte Auge. Mich interessiert der Begriff der Wahrhaftigkeit in der Kunst der Fotografie: Ich möchte, dass meine Bilder ihren Surrealismus als Trugbild des Realismus entfalten.

Leica Q2

Akzeptieren Sie nichts außer Perfektion

George Tatakis bedient sich der Welt, um Bilder zu machen. Er wird international veröffentlicht, unter anderem bei National Geographic, und arbeitet mit Marken wie Leica und Huawei und Institutionen wie der Unesco zusammen. Im Jahr 2013 beschloss der studierte Ingenieur, seiner Leidenschaft für die Fotografie zu folgen und langsam den Übergang zu einer Vollzeitbeschäftigung als Bildermacher zu vollziehen. Heute dokumentiert er gesellschaftliche Ereignisse, stellt seine Arbeit in Einrichtungen wie dem Benaki-Museum in Athen aus und betreut Amateur- und Profifotografen als Mentor. Erfahren Sie mehr über die Fotografie von George Tatakis auf seiner Websiteund in seinem Instagram-Kanal.