Zheleznaya doroga – der eiserne Weg: Auch auf Russisch ist die Eisenbahn nach dem Rohstoff benannt, aus dem die Schienen gefertigt sind. Ein symbolträchtiges Zeugnis der industriellen Revolution, ein Ausdruck von Leben, Fernweh und Träumen. Grigoriy Yaroshenko zeigt in seinen Bildern die Kraft und die Schönheit dieses unverzichtbaren Systems und erzählt von den Menschen, die es am Laufen halten.

Warum widmen Sie sich in Zeiten moderner Autos und von Billigfliegern der traditionellen Eisenbahn?
Die Serie ist ein gutes Beispiel für eine Kooperation zwischen Wirtschaft und Fotografie. Auf der einen Seite war es ein absolutes Autorenprojekt, ich habe Richtung, Zeit, Ort und Dauer der Fahrten selbst bestimmen können. Auf der anderen Seite war es eine kommerzielle Arbeit im Auftrag der großen Eisenbahnholding PTK Group. Die Aufgabe bestand darin, den ganz normalen Alltag im System Eisenbahn zu zeigen, deren Schönheit und Kraft und die Mitarbeiter, die in den einzelnen Bereichen tätig sind: Lokführer, Weichensteller, Bahnhofsvorsteher, Elektriker und Arbeiter im Depot oder am Gleis.

Was fasziniert Sie an diesem Transportmittel?
Natürlich habe ich wie jeder Junge die Eisenbahn seit Kindestagen geliebt. Ich erinnere mich noch an den Geruch, an das Gemisch aus Kohle, Diesel und Kresol, mit dem die Holzschwellen getränkt waren. Ich träumte davon, meine eigene Modelleisenbahn zu haben, um die Züge von Zimmer zu Zimmer fahren zu lassen, wie es meine kleinen Söhne jetzt tun. Ich bin in einer armen Familie aufgewachsen und zu Sowjetzeiten schien das fast unmöglich zu sein. Aber irgendwie hat es mein Vater geschafft, eine Bahn für mich zu besorgen: Er hat eine wunderbare Landschaft aus Pappmaché, mit Bergen, Wäldern, Tunneln und Bahnhöfen geschaffen, durch die die Eisenbahn ihre Runden drehte. Damit hat wohl alles angefangen.

Welche Bedeutung hat die Eisenbahn heute in Russland?
Es gibt immer noch Orte, in denen die Eisenbahn die einzige Verbindung in andere Teile des Landes darstellt. Wir haben einige dieser Regionen und Städte besuchen können. Zum Beispiel die Station Eletskaya, die jenseits des Polarurals liegt. Es gibt keine Straßenverbindung, man kann auch kein Auto zulassen, was die Leute nicht davon abhält, innerhalb der Siedlung Autos ohne Nummernschilder zu fahren. Für solche Orte ist die Eisenbahn die einzige Verbindung mit der Außenwelt, dort geht das Leben nur mit der Eisenbahn weiter. Wo Stationen aus irgendeinem Grund geschlossen werden, stirbt das Leben allmählich ab.

Wie viele Kilometer sind Sie gefahren?
Russland besitzt ein großes Schienennetz, das sich aus 16 verschiedenen, geografisch unterteilten Netzen zusammensetzt. Wir haben etwa die Hälfte besucht und waren auf Sachalin und im Fernen Osten, am Baikalsee und in Sibirien, im äußersten Norden und im Süden Russlands. Die Gesamtlänge der russischen Eisenbahnstrecke umfasst 85.500 Kilometer, davon sind 43.000 elektrifiziert. Natürlich gibt es immer noch riesige Gebiete, die ausbaufähig sind. Ich bin mir aber sicher, dass auch dort bald der Klang der Räder und das Signal der Lokomotive zu hören sein werden.

Wie waren die Reisen organisiert?
In der Regel haben wir vorab den Pressedienst der Russischen Eisenbahnen kontaktiert und die Orte gemeldet, die wir besuchen wollten. Wenn wir die Erlaubnis erhalten hatten, ging es los. Manchmal fuhren wir mit dem Zug, manchmal flogen wir und einmal benutzten wir eine Fähre, um von Sachalin wieder aufs Festland zu gelangen. Oft fuhren wir auch mit dem Auto und manchmal mieteten wir uns ein Boot. Der schwierigere Teil der Reise war die Logistik und die Organisation der Shootings. Manchmal mussten wir stundenlang auf den Zug warten. Mitunter kam er auch gar nicht.

Die Menschen stehen ebenfalls im Mittelpunkt Ihrer Arbeit.
Die Menschen haben mich am meisten interessiert. Natürlich lieben nicht alle ihren Job, er ist wirklich hart und kräftezehrend. Aber trotzdem fühlen sich viele, die ich getroffen habe, ihrer Arbeit und dem Leben mit der Eisenbahn sehr verbunden, manche schon in der zweiten oder dritten Generation. Jeden, den ich fotografiere, respektiere ich, denn Fotografie ist eine gemeinsame Anstrengung

Aus welchem Grund haben Sie in Schwarzweiß fotografiert?
Anfangs war ich noch unentschieden, also habe ich zunächst in Farbe fotografiert. Aber irgendwann wurde mir klar, dass es Schwarzweiß sein musste. Es gab zu viele Farben, die sich nicht gut in die Umgebung einfügten, vor allem die orangefarbenen Westen der Eisenbahner. Es wäre für mich viel schwieriger gewesen, die Farbe unter Kontrolle zu halten, und das Projekt hätte noch länger gedauert. Außerdem wollten wir die Bahn nicht zu sehr „herausgeputzt“ zeigen, sondern so, wie sie ist, kraftvoll und rau.

Sie haben sowohl mit der Leica M9-P als auch der M10 fotografiert.
Ich fotografiere schon lange mit Leica, ein Dutzend Jahre etwa. Die M9-P war meine erste Digitalkamera, dann kamen die Monochrom, die M (Typ 240) und die M10 hinzu. Jetzt habe ich vier Kameras und vier Objektive. Meistens verwende ich das 35er- oder 50er-Summilux, für Landschaften das 21er-Summilux und für Porträts manchmal auch das 75er-Summicron.

Was hat Sie auf Ihren Reisen am meisten beeindruckt?
Die Größe unseres Landes. Wenn man acht Stunden mit dem Flugzeug fliegt oder eine Woche mit dem Zug von West nach Ost reist – das ist wirklich beeindruckend. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Russland wirklich, spürte die Schönheit und Vielfalt der Natur, die Freundlichkeit und Anteilnahme der einfachen Menschen.

Der russische Dokumentarfotograf, Kurator, Pädagoge und Filmregisseur Grigoriy Yaroshenko, geboren 1971, hat nach seinem Abschluss am Sergei-Gerasimov-Institut für Kinematografie in Moskau die Leica Akademie Russland geleitet (2011–13). 2019 hat er das Buch ЖД The Iron Road – eine einjährige Reise durch Russland mit der Bahn veröffentlicht. Yaroshenko nahm als Fotograf und Filmregisseur an der 64. und 65. russischen Antarktisexpedition (2019–2020) teil. Er ist Gewinner mehrerer Auszeichnungen, unter anderem von The Silver Camera, und Mitglied der Russischen Union der Fotokünstler. Erfahren Sie mehr über das Eisenbahn-Projekt von Grigoriy Yaroshenko auf seiner Website und der Website der Iron Road.

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