Im Leben von Leica Fotograf Georges Yammine spielen gleich mehrere Instrumente eine wichtige Rolle: die Geige, mit der er seit 2008 im Qatar Philharmonic Orchestra auftritt, und seine Leica Kameras. Er lebt in Katar, wo die Menschen im vergangenen Jahr wegen der Covid-Pandemie Plastikhandschuhe tragen mussten. Die künstliche Barriere hemmt die Verbindung zwischen Musiker und Instrument und beeinträchtigt den musikalischen Ausdruck. Yammine nutzte die Unterbrechung des Orchesterbetriebs, um sein künstlerisches Talent in der Arbeit mit der Kamera zum Ausdruck zu bringen. Er ließ seine Musikerkollegen darüber spekulieren, was wäre, wenn Plastikhandschuhe auch nach der Pandemie den Ton angäben und was das für die Beziehung zu ihren Instrumenten bedeuten könnte. Im Interview erzählt Yammine, wie er die Idee zur Serie Silenced entwickelte, über die Bedeutung von Händen und das Zusammenspiel von Musik und Fotografie.

Gibt es eine Beziehung zwischen Ihrem Musikinstrument, einer Kamera und dem Prozess des Komponierens?
Da ich Geiger und Fotograf bin, ist es normal, dass eine Kunstform die andere beeinflusst. Wenn ich Geige spiele, sehe ich verschiedene Bilder, die ich später mit meiner Kamera zu visualisieren versuche. Und wenn ich fotografiere, versuche ich, meine Bilder nach Harmonie und Dynamik zu komponieren … oder nach dem, was Arnold Schönberg in seinen Partituren „Hauptstimme und Nebenstimme“ nannte.

Wie sind Sie auf die Idee für Silenced gekommen?
Bereits vor ca. 40.000 Jahren wurden erste Abbildungen menschlicher Hände auf Höhlenwänden in verschiedenen Teilen der Welt dargestellt, fast gleichzeitig und unabhängig voneinander. Seit jeher fasziniert Menschen die Hand als Übermittlerin geistiger und emotionaler Impulse, sie transportiert Gedanken und Ideen, setzt sie in die Realität um, schafft Form und Klang. Als unverzichtbares Ausdrucksmittel für Künstler ist die Hand, die heute als potenzielles Übertragungsmedium verhüllt und gefürchtet ist, zu einem Symbol der Begrenzung geworden. Meine Frau Veronika Farkas hat einen wunderbaren Text darüber geschrieben, was Hände für uns bedeuten. Sie finden ihn hier.

Wie wirkt sich die Pandemie auf das Leben von Musikern aus?
Der ihnen auferlegte Schwebezustand stellt Künstler und Gesellschaft plötzlich und mit voller Wucht vor die Frage, was künstlerische Tätigkeit bedeutet und was sie wert ist: Zurückgeworfen auf den Ursprung des menschlichen Bedürfnisses nach künstlerischem Ausdruck wird einmal mehr bewusst, dass es keine Alternative zur Kunst als solcher gibt, als unverzichtbares Refugium, als Bezugspunkt, als Quelle der Kreativität, als Mittel zur Entfaltung der eigenen Empfindungen, als Veredelung der menschlichen Natur und als Idealisierung der menschlichen Existenz. Die gegenwärtige Situation, der durch Corona erzwungene Stillstand, fesselt und lähmt Musiker weltweit. Der erzwungene Rückzug in verschlossene Räume, weit weg von den gewohnten Konzertsälen und Opernhäusern, die Trennung vom menschlichen Gegenüber, lässt viele dieser Musiker in eine traumhafte, klaustrophobische Parallelwelt abgleiten, in der der Fokus aufs bloße Überleben gerichtet und die digitale Option der einzig mögliche Ausweg für das künstlerische Schaffen zu sein scheint.

Welche Protagonisten haben Sie für Silenced fotografiert?
Ich habe meine Kollegen und Freunde fotografiert, mit denen ich mehrere Konzerte, die verschoben oder abgesagt wurden, hätte spielen müssen. Bei diesen Porträts wollte ich, dass sich die Musiker mit geschlossenen Augen versuchen vorzustellen, die Plastikhandschuhe blieben Teil ihres zukünftigen Lebens.

Was hat es mit den plastiküberzogenen Partituren auf sich?
Die Idee zu dieser Installation kam mir, als eine Schachtel mit Handschuhen versehentlich aus einem Regal fiel und sich über meinen Partituren verteilte. Ich sah sofort dieses Foto vor mir, arrangierte das Licht und fotografierte dieses Stillleben.

In der Serie taucht auch ein Fake-Instrument auf, ein Keyboard aus Schaumstoff. Was hat das zu bedeuten?
Das ist ein aufgerolltes digitales Klavier, das Sänger benutzen, um ihre Stimme backstage oder zu Hause zu trainieren, wenn sie keinen Zugang zu einem echten Klavier haben. Ich habe es in die Serie aufgenommen, um auf surreale Weise die Lebensrealität eines Pianisten in Zeiten der Pandemie zu zeigen: Viele Pianisten besitzen kein Klavier und nun können sie nicht nur keine Konzerte spielen, sondern nicht einmal zu Hause üben.

Warum haben Sie sich für Schwarzweiß und nicht für Farbe entschieden?
Weil ich in Schwarzweiß viele Ablenkungen vermeide, die den Fokus auf den Ausdruck der Musiker stören könnten.

Welche Art von Licht haben Sie verwendet und welche Bedeutung hat Licht für Sie?
Für dieses Projekt habe ich Studiolicht verwendet, weil es die Atmosphäre von Konzert- und Bühnenlicht wiedergibt. Wenn Dunkelheit für mich Stille bedeutet, bedeutet Licht Klang. Und Klang kann schön oder hässlich, reich oder arm, lebendig oder flach sein. Manchmal ist Licht für mich wichtiger als das Motiv selbst, es kann das Hauptmotiv einer Aufnahme sein.

Mit welchem System haben Sie Silenced fotografiert?
Mit der Leica M Monochrom (Typ 246), dem Summaron-M 1:5.6/28, dem Summicron-M 1:2/35 und dem Noctilux-M 1:1/50. Ich schätze den natürlichen Look dieser Objektive – sowohl an meiner analogen M6 als auch an der M Monochrom bieten sie mir die beste Qualität, nach der ich suche.

Und was wollen Sie als nächstes angehen?
In diesen schwierigen Zeiten denke ich an große Künstler wie Henri Matisse, Vincent van Gogh oder Frida Kahlo, die ihre besten Werke unter vergleichbaren Umständen geschaffen haben. Im Moment arbeite ich an zwei Projekten, einem Kurz- und einem Langzeitprojekt, aber es ist schwierig sie zu verwirklichen, wenn man nicht reisen kann. Außerdem hat man mich gebeten, für zwei Live-Konzerte, Bach-Suiten für Cello, einen Film zu machen, der parallel zur Musik projiziert werden soll. Einen kleinen Vorgeschmack finden Sie in meinem Instagram-Kanal. Die Aufbereitung meiner Fotografien für einen Film war eine schöne Aufgabe. Ich hoffe sehr, dass die Konzerte am 14. Juni 2021 im Opernhaus von Guangzhou und am 18. Juli 2021 in der Shanghai Symphony Hall stattfinden können!

1979 in Zekrit, Libanon, geboren, zog Georges Yammine 1999 nach Deutschland, um an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar Violine zu studieren. Daneben studierte er Kunstgeschichte an der benachbarten Bauhaus-Universität. Seit 1999 ist er Mitglied des West Eastern Divan Orchestra und seit 2008 Mitglied des Qatar Philharmonic Orchestra. Als Fotograf ist Yammine Autodidakt, seine Arbeiten waren in der Leica Galerie auf der Photokina 2014, in der Leica Galerie Salzburg, im Qatar Visual Art Centre, in der Brown University, Rhode Island, der Bernheimer Fine Art Gallery in Luzern und der Barenboim Said Foundation in Berlin zu sehen.
2014 ist sein erstes Fotobuch, Funkelnde Hoffnung (A Spark of Hope), herausgegeben vom Dirigenten Daniel Barenboim, im Zuge seiner Ausstellung auf der Photokina 2014 erschienen. Erfahren Sie mehr über die Fotografie von Georges Yammine auf seiner Website und in seinem Instagram-Kanal.

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