Der deutsche Amateurfotograf Walter Lescher verknüpft seit mehr als 15 Jahren zwei seiner großen Leidenschaften – die Fotografie und das Radrennen – und dokumentiert die Tour de France – das größte Radrennen der Welt. Im Interview spricht er über die fotografischen Herausforderungen, die Atmosphäre und seine schönsten Erlebnisse bei der Tour.

Wann und wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Tour de France zu fotografieren? Gibt es eine persönliche Beziehung zu diesem Sport?

Da ich von 1962 bis 1965 selbst aktiv den Radsport betrieb und erfolgreich Radrennen bestritt, ist meine Beziehung zur Tour de France so zu erklären. Bis 2003 verfolgte ich die Tour durch Presse und Fernsehen. Dann unternahm ich 2004 meinen ersten Versuch, eine Bergetappe in den Pyrenäen zu fotografieren. Dieses Erlebnis, wie auch das Fotoergebnis, war für mich Motivation, auch weiterhin Etappen dieses Weltsportereignisses zu fotografieren. Die Vielfalt der Tour, das Renngeschehen sowohl auf als auch neben der Rennstrecke, die Erwartung und Begeisterung der Tour-Zuschauer, die Werbekolonne, das „Mittendrin“ möchte ich in Form von Reportage und Dokumentation authentisch in meinen Fotos zeigen.

Was fasziniert Sie an der Tour der France? Was waren die größten Herausforderungen für Sie als Fotografen bei der Tour?

In den vergangenen Jahren lernte ich viele Radprofis, sportliche Leiter, Organisatoren, Vertreter der schreibenden Presse wie auch Kommentatoren vom Fernsehen und nicht zuletzt Vertreter der Gendarmerie kennen. Als Amateursportfotograf hatte ich so manche Herausforderungen auf der Tour oder im Tour-Zirkus zu bestehen. Es ist zum Beispiel ohne Presse-Akkreditierung einem Fotografen meiner Prägung im Fahrerlager, Start-/Zielbereich oder in abgesperrten Bereichen an der Rennstrecke nicht beziehungsweise kaum möglich zu fotografieren. Da sind Nervenstärke, Einfallsreichtum und Durchsetzungsvermögen gefragt!

Über dieses Problem schrieb ich 2010 in einem persönlichem Brief an Christian Prudhomme, Directeur du Tour de France. Herr Prudhomme antwortete mir persönlich und ermöglichte mir die Akkreditierung für die Fahrerlager in Rotterdam – den Prolog am 3. Juli 2010 – und Bordeaux – das Zeitfahren, die 19. Etappe am 24. Juli 2010 – sowie für 2011 in Grenoble – das Zeitfahren, die 20. Etappe am 23. Juli 2011. Nicht nur diese Begebenheit mit Herrn Prudhomme war für mich beeindruckend, auch der Umgang miteinander wie auch die – im Allgemeinen – Friedfertigkeit der Tour-Fans an der Rennstrecke ist zu erwähnen!

Sie begleiten die Tour schon lange. Wie hat sich der Radsport in Ihren Augen entwickelt? Welche Rolle spielten die Dopingskandale?

Durch diese und viele andere Begegnungen wuchs meine Verbundenheit zur Tour, mit all ihren Facetten, ohne das Thema Doping auszublenden. Ich bin überzeugt, Doping wird uns weiterhin begleiten. Aber ich bin auch überzeugt, dass Doping von den Ausmaßen der letzten zehn bis 20 Jahre bei der absoluten Mehrheit der neuen Radsportgeneration keine Zukunft haben wird.

Mit welcher Kamera und welchen Objektiven haben Sie im Laufe der Jahre fotografiert, und womit arbeiten Sie derzeit?

Bergetappen zu fotografieren ist mein Spezialgebiet. Um die Situation authentisch abzubilden, ist es unabdingbar, die Sportart zu kennen, vor allem, wenn die Fotos mit Weitwinkel- und Standardobjektiven gemacht werden. Ich fotografierte analog mit einer Leicaflex SL2 Mot und einer R8, digital mit einer Leica S2, manchmal auch mit einer Nikon D60. Nur durch einen Glücksfall – eine Begegnung mit Herrn Oliver Wolf von Leica – konnte ich 2012 die Tour mit der Mittelformatkamera S2 und den 30-mm- und 70-mm-Objektiven fotografieren. Obwohl das Fotografieren mit einer Digitalkamera – und das auch noch im Mittelformat – für mich damals total neu war, war meine Zuneigung für die S2 geboren. Die gemachten Fotos waren für mich beeindruckend. Seit 2014 gehört die Leica S2 mit den Objektiven Summarit-S 1:2.5/70 und Elmarit-S 1:2.8/30 zu meiner Tour-Ausrüstung. Seit 2015 habe ich zum Glück die Möglichkeit, mit einem zweiten Gehäuse, einer 007, auf der Tour zu fotografieren. Auf der Tour de France 2021 mit der S3 arbeiten zu dürfen ist bis jetzt noch Hoffnung!

Haben Sie eine Lieblingsetappe? Oder Lieblingsspots, an denen Sie fotografieren? Was ist für Sie der Höhepunkt der Tour?

Von Lieblingsetappen oder Höhepunkten der Tour zu berichten, fällt mir schwer, denn jede von mir fotografierte Etappe glich nie der vorangegangenen. Einmal fotografiere ich überwiegend schwere Bergetappen im Hochgebirge. Das bedeutet einfach Hochspannung mit unverhofften Situationen. In der Regel fotografiere ich drei bis vier Etappen bei meinen drei Wochen der Tour-Begleitung. Mindestens zwei Tage vor der Etappenankunft im Hochgebirge versuche ich, mit einem gemieteten VW-Bus einen günstigen Stellplatz zu finden. So kann ich mit Ruhe meine Position suchen. Weder eine Vorgabe noch Anweisungen eines Auftragsgebers beeinflussen meine Art und Sichtweise oder die Aussagekraft meiner Fotos.

Gibt es ein besonderes fotografisches Ereignis, an das Sie gern zurückdenken?

Einer der Tour-Höhepunkte war am 14. Juli 2016, die 12. Etappe am Mont Ventoux. Einmal wurde wegen Sturms das Ziel vom Gipfel zum Chalet Reynard verlegt. Dann, etwa 1000 Meter vor dem Ziel, stürzte der im gelben Trikot fahrende Christopher Froome. Genau vor mir – etwa 300 Meter vor dem Ziel – legte Froome sein Ersatzrennrad an die Werbebande und wartete auf das Original-Ersatzrad von seinem Team SKY. Was ein Glück für einen Fotografen! Meine Fotos belegen dieses „Malheur am Mont Ventoux“.

Sind Sie dieses Jahr wieder dabei?

Wegen Corona fotografierte ich die Tour 2020 nicht. Ab dem 1. Juli 2021 bin ich aber wieder für drei Wochen in Frankreich auf Tour und werde drei bis vier Bergetappen fotografieren.

Gibt es noch etwas, das Sie hinzufügen möchten?

Ich möchte noch darauf hinweisen, dass meine Tour-Fotos ein Höchstmaß an Authentizität bieten und bis auf den Ausschnitt nicht nachbearbeitet sind.

Vielen Dank für das Interview und viel Spaß bei der diesjährigen Tour!

Walter Lescher ist 74 Jahre alt und sieht den Weltenlauf positiv und gelassen. Fotografieren ist seit circa 1962 mehr und mehr zu seiner Leidenschaft geworden. Vorhandenes, Veränderungen, Geschehnisse, die ihm wichtig sind, versucht er im Bild festzuhalten, zu dokumentieren.

Website: https://www.walter-lescher.de/

LFI.Gallery: https://lfi-online.de/ceemes/de/galerie/Walter-Lescher-675208.html