Einen Monat lang hat der italienische Fotograf Stefano Schirato den aufreibenden Alltag der Einwohner im ostindischen Bergbaurevier Jharia dokumentiert. Ständig auf der Hut, um nicht in einem der vielen brennenden Erdlöcher zu versinken, begegnete er dort ebenso freundlichen wie verzweifelten Menschen, die Tag für Tag unter unvorstellbaren Bedingungen ihr Dasein fristen. Mit einer Leica Q im Rucksack zeichnet Schirato die eindrucksvolle Skizze einer Lebensweise, die der Kohle gewidmet ist.

Wie gehen Sie bei der Themensuche vor? Haben Sie bevorzugte Themen?
Ich suche immer nach Themen, die mir nahegehen, vor allem im sozialen Umfeld und in den letzten Jahren auch Geschichten über Migration und Umweltverschmutzung. Mein bevorzugtes Thema sind definitiv Menschen: Ich möchte die persönlichen Geschichten derer erzählen, die zu den weniger Glücklichen in der Gesellschaft gehören.

Wie sind Sie auf die Situation in Jharia aufmerksam geworden?
Ich habe zum 25. Jahrestag der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl angefangen, mich mit dem Thema Umweltverschmutzung zu beschäftigen. Nachdem ich mich zuerst auf Umweltkatastrophen in Italien konzentriert hatte, habe ich begonnen, in anderen Ländern nach Geschichten zu diesem Thema zu suchen. Dabei fiel mir Jharia auf und ich hielt es für lohnend, darüber zu berichten.

Wie würden Sie die Atmosphäre und das alltägliche Leben der Menschen in der Gegend beschreiben?
Die Luft ist voller Rauch und das Atmen schwierig; wir mussten ständig eine Gesichtsmaske tragen. Das Leben in Jharia ist eher ein Überleben: Die Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt durch illegalen Kohlehandel, bei der Gewinnung der Kohle setzen sie aufgrund der Beschaffenheit des Geländes ständig ihr Leben aufs Spiel.

Alle, die dort leben, sind ständig von extrem gefährlichen Bränden bedroht. Was war der schwierigste Teil Ihres Projekts?
Das Schwierigste war der Umstand, dass ich in Gebieten fotografieren musste, deren Betreten verboten war, sodass ich sehr schnell handeln musste. Außerdem musste ich ständig darauf achten, mich dort zu bewegen, wo der Boden nicht einzubrechen drohte.

Sie sind immer sehr nah an Ihren Motiven, Ihre Bilder sind direkt und sehr markant. Mit welchem fotografischen Ansatz haben Sie sich dem Thema genähert?
Einfach mit meiner üblichen Herangehensweise: mich inmitten einer Szene zu bewegen, die Menschen so gut kennenzulernen, dass ich in der Lage bin, ihnen physisch und emotional so nahe wie möglich zu sein.

Welche Rolle hat die Leica Q gespielt?
Ich kann sagen, dass die Leica Q meine Herangehensweise an die Fotografie verändert und verbessert hat. Da sie so schnell und leise ist, erlaubt sie mir, weniger invasiv zu sein und mich noch näher am Geschehen zu bewegen als sonst.

Was haben Sie persönlich aus dem Projekt gelernt?
Diese Arbeit hat mich definitiv gelehrt, wie wichtig Resilienz ist. Besonders beeindruckt hat mich die Geschichte von Muskan Kumari, ein 13-jähriges Mädchen, das ein Bein verloren hatte, nachdem es in ein Erdloch geraten war. Aber sie ist trotzdem ein sehr lebendiges Mädchen geblieben. Ich habe gesehen, wie sie im Haus herumlief und lächelte, trotz allem, was ihr widerfahren war.

Gibt es ein Ereignis, das Sie ganz sicher nicht vergessen werden?
Als ich in Jharia war, machte mich der Fixer, der mir half, mit einer Familie bekannt, deren elfjähriges Kind Chandon im Alter von acht Jahren in ein Erdloch gefallen war und Verbrennungen an einem Drittel seines Körpers erlitten hatte. Erst nach ein paar Tagen offenbarte mir der Fixer, dass er derjenige war, der den Jungen Jahre zuvor vor dem Tod bewahrt hatte. Das werde ich nie vergessen.

Stefano Schirato, 1974 in Bologna geboren, schlug nach dem Studium der Politikwissenschaften eine Karriere als freiberuflicher Fotograf ein. Er konzentriert sich auf soziale Themen und arbeitet mit Zeitschriften, Verbänden und NGOs wie Caritas Internationalis und Emergency zusammen. Seine Arbeiten wurden in Medien wie der New York Times, Vanity Fair und CNN veröffentlicht. Schirato unterrichtet Fotografie an der Leica Akademie Italien. Erfahren Sie mehr über die Fotografie von Stefano Schirato auf seiner Website und in seinem Instagram-Kanal.

Lesen Sie mehr über Stefano Schiratos Reise nach Jharia in der LFI 4/2021.

Leica Q2

Akzeptieren Sie nichts außer Perfektion