„Street Photography ist etwas, das man nicht erzwingen oder überstürzen kann“, konstatiert der australische Fotograf Jesse Marlow. Die Serie über seine Heimatstadt Melbourne entstand in geduldigem Suchen und Finden, im Warten auf den richtigen Moment. Seine Zufallskompositionen verbinden farbenfrohe, grafische Szenerien mit kleinen Spuren menschlichen Lebens.

Wie sind Sie zum Fotografieren gekommen?
Mein Onkel schenkte mir an meinem achten Geburtstag das Buch Subway Art –und das hat etwas in mir ausgelöst. Die nächsten zehn Jahre verbrachte ich die Wochenenden und Schulferien damit, die erste Welle von Graffiti zu fotografieren, die Mitte der 80er-Jahre in Melbourne auftauchten. 1996, als 18-Jähriger, hörte ich damit auf und ging auf die Fotoschule, wo ich die Arbeiten von Henri Cartier-Bresson, Robert Frank und Josef Koudelka entdeckte. Das öffnete mir die Augen für die Breite des Mediums Fotografie und veränderte mein Leben. Diese prägenden Jahre, in denen ich mit einer Kamera auf der Straße unterwegs war und meine Heimatstadt mit den neugierigen Augen eines Kindes erkundete, legten den Grundstein für den Fotografen, der ich heute bin.

Was fasziniert Sie an der Street Photography?
Die Straße und das Überraschungsmoment, das sie jedes Mal bietet, haben mich schon immer angezogen. Damals, als ich Fotografie studierte, war ich nicht daran interessiert, etwas über Beleuchtung, Stillleben oder Porträts zu lernen. Alles, was ich wollte, war meine Heimatstadt zu erkunden. Da ich schon immer in Melbourne gelebt und gearbeitet habe, sind die meisten meiner Arbeiten dort entstanden. In den letzten zehn Jahren bin ich jedoch viel mehr gereist, und so hat meine Arbeit natürlich einen breiteren Hintergrund bekommen.

Inwieweit sind Ihre Bilder auch ein Spiegelbild Australiens – sind sie überhaupt an einen Ort gebunden?
Der Gedanke, einen bestimmten Ort zu zeigen, hat in meiner Arbeit nie eine Rolle gespielt. Ich habe versucht, keine Aufnahmen zu machen, die eindeutig einen bestimmten Ort abbilden, indem ich erkennbare Wahrzeichen oder Beschilderungen gemieden habe. Mir gefällt der Gedanke, dass diese Fotos überall aufgenommen sein könnten und ein Gefühl der Ungebundenheit vermitteln.

Ihre Fotografien wirken wie Puzzles, die aus verschiedenen kompositorischen Teilen zusammengesetzt sind und immer mit einem geometrischen Ansatz fotografiert werden …
Die Puzzle-Metapher fasst meinen Ansatz wirklich gut zusammen. Bei einigen eher statischen Szenen, denen ich begegne, muss ich mir wirklich Mühe mit der Komposition geben. Oft ist es erst der vierte oder fünfte Versuch, in dem sich endlich das Bild einer Szene offenbart. Ich liebe es, wenn das passiert. Es fühlt sich tatsächlich an wie das letzte Teilchen eines Puzzles, das an seinen Platz gesetzt wird. Form und Geometrie haben in den letzten 15 Jahren immer eine große Rolle in meinen Farbbildern gespielt. Ohne mich davon vereinnahmen zu lassen, bin ich mir dessen bewusst, wenn ich unterwegs bin und fotografiere. Ursprünglich wollte ich Grafikdesigner werden und deshalb spielen Grafik und Architektur eine große Rolle für mich als Fotografen. Der australische Maler Jeffrey Smart hat mich mit seinem spielerischen Sinn für Maßstäbe und seiner Verwendung von Farben und Formen stark beeinflusst. Außerdem glaube ich, dass die farbenfrohen, grafischen Stoffe aus Japan im Modedesign-Studio meiner Eltern ebenfalls dazu beigetragen haben, den Fotografen Jesse Marlow zu formen.

Unter welchen Gesichtspunkten suchen und finden Sie Ihre Motive?
Die meisten Fotos, die ich in den letzten 15 Jahren gemacht habe, sind während meiner täglichen Arbeit unterwegs entstanden. Ich finde, dass das eine organischere Arbeitsweise ist, die wiederum den Druck und die Erwartungshaltung, mit Ergebnissen nach Hause zu kommen, etwas verringert. Street Photography ist etwas, das man nicht erzwingen oder überstürzen kann. Ich bin sehr offen für Möglichkeiten, die sich ergeben, aber ich habe auch einige Themen, die sich durch meine ganze Arbeit ziehen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es für einen Street Photographer von Vorteil sein kann, ein paar kleinere Themen in petto zu haben, denn manchmal gibt es Tage, Wochen oder sogar Monate, in denen man sich nicht so inspiriert fühlt.

Der kompositorische Charakter Ihrer Aufnahmen legt nahe, dass Ihre Bilder inszeniert sind …
Da ist nichts inszeniert, das hat sich alles zufällig ergeben. Ich komponiere sehr bewusst und strebe nach Aufnahmen, die eine Art bunter, grafischer Szene kombinieren, und wenn ein menschliches Element ins Bild kommt, fangen die Dinge an, für mich zu funktionieren. Wenn ich auf eine Szene stoße, die Potenzial besitzt, muss ich oft lange warten und hoffen. Das ist der spaßige und manchmal frustrierende Teil meiner Arbeit. Meistens komme ich mit nichts nach Hause, aber die Tage, an denen sich die Dinge fotografisch gefügt haben, sind die Mühen wert.

Was schätzen Sie an der Leica Q?
Die Q und das Nachfolgemodell Q2 sind die einzigen Kameras, die ich seit der Markteinführung 2015 für meine persönliche Arbeiten verwendet habe. Die Q besitzt alles, was ich von einer Kamera erwarte; ohne sie gehe ich nicht aus dem Haus. Besonders schätze ich ihre einfache und unkomplizierte Bedienung. Ich gehöre zu den Fotografen, die gern alles unter Kontrolle haben und die Dinge einfach halten. Bevor ich mit der Q fotografierte, habe ich einige Jahre lang mit der M6 fotografiert. Für mich war der Wechsel wirklich einfach. Da ich meine Arbeiten regelmäßig ausstelle, sind die zusätzlichen Megapixel in einer Kamera, die so klein, leise und unauffällig ist, genau das, was ich brauche.

Man sieht Menschen auf Ihren Bildern, aber sie scheinen keine große Rolle zu spielen und in der Umgebung zu verschwinden …
Ich habe schon immer gerne beobachtet, wie Menschen einen Raum bewohnen oder sich darin bewegen, und durch mein Interesse an Architektur und Design habe ich versucht, das in meine Arbeit einfließen zu lassen. Da ich neben meiner Arbeit auf der Straße auch immer an Dokumentarfilmprojekten gearbeitet habe, ist die Idee einer subtilen Erzählung in jeder meiner Street-Aufnahmen ebenfalls vorhanden. Oft ist es nur ein unscheinbarer Hinweis auf die menschliche Gestalt innerhalb eines größeren Bildes, der der Szene ein Gefühl von Größe verleiht. Wenn Farbe, Form, Gestalt, Licht und ein interessantes menschliches Element in einer Szene zusammenkommen, dann weiß ich, dass ich ein Bild habe.

Ihre Serie heißt Anything can happen – and probably will. Ist diese Feststellung auch grundsätzlich die Motivation für Ihre Fotografie?
Auf diesen Titel bin ich eines Tages bei der Lektüre eines Buches gestoßen, und ich fand, dass er meine Herangehensweise an meine laufende Arbeit perfekt zusammenfasst. Ich liebe die Ungewissheit der Street Photography: Wenn ich wüsste, was ich morgen fotografiere, wäre es mir langweilig geworden, auf der Straße zu fotografieren. Die Möglichkeit, dass ich eines Morgens aus dem Haus gehe und mit einem Foto nach Hause komme, das mich für immer begleiten wird, begeistert mich und treibt mich weiter an. Wenn ich darauf zurückblicke, wie es die letzten 20 Monate auf der Welt zuging, glaube ich, dass der Titel auch die unbekannte Lage widerspiegelt, in der sich die Welt durch Covid-19 befindet.

Der Fotograf Jesse Marlow ist in Melbourne ansässig. Seine preisgekrönten Arbeiten finden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen in ganz Australien, darunter auch in der National Gallery of Victoria. In den letzten 18 Jahren hat Marlow eine Reihe von Monografien veröffentlicht, zuletzt Second City. Im Jahr 2011 wurde er mit dem International Street Photographer of the Year Award ausgezeichnet und 2012 gewann er den Bowness Prize der Monash Gallery of Art. Marlow wurde in vielen Anthologien porträtiert, darunter Street Photography Now und The World Atlas of Street Photography, veröffentlicht von Thames & Hudson. Er wird von Institute Artists vertreten. Erfahren Sie mehr über die Fotografie von Jesse Marlow auf seiner Website und in seinem Instagram-Kanal.

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