Die Mapuche wollen als Volk anerkannt werden, das außerhalb bestehender staatlicher Systeme lebt. Lange Zeit mussten sie hinnehmen, wie sie zurückgedrängt wurden, während ihre sozialen Strukturen immer weiter zerfielen. In den letzten Jahren haben sie sich jedoch wieder deutlich stärker zur Wehr gesetzt. Der Fotograf Pablo Ernesto Piovano gewährt tiefe Einblicke in einen komplexen Konflikt in der chilenisch-argentinischen Grenzregion und begleitet ein indigenes Volk auf seinem Weg zur Wiedergewinnung der eigenen Identität.

Wann haben Sie angefangen zu fotografieren?
Meine Beziehung zur Fotografie begann schon sehr früh. Ich erinnere mich, dass ich als Kind Fotos sah, die auf den Fliesen in der Küche unseres Hauses trockneten. Mein Vater hat in den 1980er-Jahren surreale Fotomontagen gemacht, die Fotos hat er in einer improvisierten Dunkelkammer in unserem kleinen Badezimmer abgezogen. Ich kann mich noch an den Geruch des Entwicklers an seinen Händen erinnern, wenn er an mir vorbeiging. Als Jugendlicher studierte ich Fotojournalismus und als ich 18 war, begann ich bei einer der wichtigsten Tageszeitungen Argentiniens zu arbeiten. Das war meine große Schule des Journalismus. In der Redaktion der Zeitung Pagina 12 arbeiteten großartige Fotografen, Schriftsteller, Journalisten und Intellektuelle. Dort begann sich meine eigene Sprache zu entwickeln, die Grundlage einer Autorensicht auf die Themen, mit denen ich mich beschäftigte.

Welchen Ansatz verfolgen Sie bei der Suche nach Themen?
Die Themen, mit denen ich mich beschäftige, berühren immer Fragen, die mit Menschenrechten und Umweltfragen zu tun haben. Müsste ich den Kern meiner Arbeit in den letzten zehn Jahre beschreiben, könnte ich sagen, dass sie praktisch jedes Thema umfasst, das mit den Auswirkungen großer Unternehmen auf die Gemeinschaft und die Umwelt zu tun hat.

Wie sind Sie auf den Kampf der Mapuche aufmerksam geworden?
Als ich für den Greenpeace Award nominiert wurde, bat man mich, über ein Thema zu schreiben, das mir wichtig ist. Zu diesem Zeitpunkt erschütterte das Verschwinden von Santiago Maldonado mein Land. Er war ein junger militanter Anarchist, der den Kampf der Mapuche zur Rückeroberung von Gebieten im argentinischen Teil Patagoniens unterstützte. Als seine Leiche nach 78 Tagen in einem kleinen Fluss gefunden wurde, spielten die wichtigsten Medien eine schändliche Rolle: Sie gaben lediglich die staatliche Version wieder und säten damit große Zweifel an seinem Tod durch polizeiliche Repression. Am Tag von Maldonados Beerdigung erschossen Repressionskräfte einen jungen Mapuche von hinten, als er mit anderen für die Rückgabe seines Territoriums kämpfte. Ich verstand, dass nur sehr wenig über das Volk der Mapuche bekannt war. Diese Ereignisse veranlassten mich, Nachforschungen anzustellen und Tausende von Kilometern zu reisen, um die Kämpfe ihrer Vorfahren und ihre Kultur zu verstehen. Bei dieser Suche entdeckte ich, dass auf der anderen Seite der Berge, in Chile, der Widerstand lebendig war und wuchs.

Welchen Eindruck haben die Mapuche bei Ihnen hinterlassen?
Die Mapuche sind im Grunde ein mutiges Volk, der Auftrag, Widerstand zu leisten, um existieren zu können, liegt ihm im Blut. Mitte des 19. Jahrhunderts wehrten sich die Mapuche gegen die spanische Krone, später gegen die Konsolidierung der Staaten Argentinien und Chile und heute leisten sie systematischen Widerstand gegen die großen Holz-, Strom- und Ölkonzerne, die ihr Gebiet ausbeuten.

Die Zusammenstöße zwischen der Polizei und den Mapuche scheinen regelmäßig zu eskalieren …
Im Konfliktfall war mir nie klar, in welchem Ausmaß sich Gewalt zuspitzen könnte. Sicher ist, dass die Mapuche keine Schusswaffen haben. Sie verteidigen sich mit Steinen, Stöcken und dem Vorteil, dass sie das Gebiet sehr gut kennen. Für einen Fotografen ist es beruhigend zu wissen, dass es auf beiden Seiten keine Kriegswaffen gibt.

Was war aus fotografischer Sicht der schwierigste Teil Ihres Projekts?
Am Anfang war es wichtig, die Eigenheiten der Menschen zu verstehen, zu wissen, wie man sich bewegt und dabei die natürlichen Rhythmen des Landes und der Natur zu respektieren. Mich der Gemeinschaft vorzustellen, hat mich mehr Zeit gekostet, als ich es von anderen Jobs gewohnt war. Die Spannungen aufgrund des Konflikts machten es unabdingbar, dass alle wissen sollten, was ich mit meiner Kamera mache.

Ich nehme an, dass es schwer war, ihr Vertrauen zu gewinnen …
Die Mapuche halten eine gewisse Distanz zu den „Winca“, den Weißen. Irgendwie gibt es immer Spannungen hinsichtlich einer Person, die von außen kommt. Und um ehrlich zu sein, konnte ich sehen, dass sie nichts von einem Außenstehenden brauchen; sie haben ein bemerkenswertes System der sozialen, politischen und spirituellen Selbsterhaltung. Ich persönlich glaube, das Schwierigste war, die Geschichte des privaten Familienlebens zu erzählen, des einfachen, alltäglichen Lebens. Um beispielsweise die Erlaubnis zu bekommen, ein Porträt von jemandem zu machen, den ich nicht kannte, musste ich mich vorher vorstellen, was manchmal mehrere Tage oder Wochen dauern konnte. Die Leute fragten sich, was ich eigentlich wollte und warum ich da war. Nachdem ich Zeit mit ihnen verbracht hatte, in ihrem täglichen Leben und im Kampf gegen die Polizei, beschlossen sie eines Tages plötzlich, ein Lamm zu schlachten, und luden mich ein, sein Blut zu trinken und ihr Essen mit ihnen zu teilen. Ich glaube, von diesem Moment an wurde meine Beziehung zu ihnen enger, und ich konnte die Schönheit ihrer Visionen erfahren.

Erinnern sie sich an eine Situation ganz besonders?
Als die chilenische Polizei Camilo Catrillanca, einen jungen Mapuche, der in Araucanía lebte, ermordete, beschloss ich, am nächsten Tag dorthin zu fahren. Es war eine fast 24-stündige Fahrt mit dem Auto ohne Zwischenstopps: etwa 1600 Kilometer, die über die Grenze in den Anden führten. Die „Elugun“, die Totenwache der Mapuche dauerte drei Tage. Es war eine historische, unvergessliche Zeremonie, an der fast 5000 Menschen und alle politischen und spirituellen Autoritäten der Mapuche teilnahmen. Der abrupte Wechsel der Szenerie und der Situation gab mir das Gefühl, mehrere Jahrhunderte in der Zeit zurückgereist zu sein. Alles, was ich sah, hatte etwas Uraltes. An diesem Tag nahmen sie mit allen Ehren Abschied von einem „Waichafe“ (Krieger). Ich glaube auch, dass es sich um ein grundlegendes und historisches Ereignis handelte, das einen großen sozialen Aufschrei auslöste, der ein Jahr später die Straßen der chilenischen Hauptstadt erreichte und die Spitze der chilenischen Politik erschütterte.

Wie stellen Sie sich die Zukunft der Menschen vor, die in diesem Gebiet leben und kämpfen?
Ich glaube, dass es ein ständiger, anhaltender Kampf sein wird, ohne eine kurzfristige Lösung. Das Ziel der Mapuche ist es, als ein Volk außerhalb der anderen Staaten anerkannt zu werden. Wir befinden uns in einer Zeit, in der das Bewusstsein dafür, was es bedeutet, Mapuche zu sein, zunimmt, und das spiegelt sich in einer neuen Generation wider, die einen klaren Sinn für Kontinuität besitzt. Ich glaube, dass sie ein Volk sind, das dazu bestimmt ist, zu überleben und für das zu kämpfen, was einst sein Erbe war.

Konnten Sie etwas aus diesem Projekt lernen?
Zweifellos. Ich habe viel gelernt, indem ich Zeit mit ihnen verbracht und mit ihnen Erfahrungen gemacht habe. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen mir ihr Herz geöffnet haben, und ich habe dort noble Gesinnung und Demut gefunden. Demut ist eine schöne und tiefe Tür zum Verständnis, an die ich immer wieder erinnert wurde. Auch die Begeisterung, die mir diese Menschen gezeigt haben, ist ein angeborener Wert. Wenn ich zurückblicke, empfinde ich nichts als Dankbarkeit.

Pablo Ernesto Piovano, 1981 in Buenos Aires geboren, ist seit seinem 18. Lebensjahr als Dokumentarfotograf tätig. Er hat unter anderem für Geo, den Stern und für Liberation fotografiert und wurde mit renommierten Auszeichnungen wie dem Nannen Preis und dem Greenpeace Award gewürdigt. Im Jahr 2018 war er beim World Press Photo eines der sechs Talente aus Südamerika. Seine Arbeiten wurden auf zahlreichen Festivals und in Museen ausgestellt. Erfahren Sie mehr über die Fotografie von Pablo Ernesto Piovano auf seiner Website und in seinem Instagram-Kanal.

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